Oben im Wipfel, mitten in dem Kranz von grünen Zweigen, war ein Loch, das damals entstanden war, als der Förster die Krone kappte. Dieses Loch war gar nicht so klein; und wenn es geregnet hatte, stand es voll Wasser, das sich eine ganze Weile lang darin hielt, wenn die Sonne die Erde unten schon wieder getrocknet hatte.
Eines Tages kam eine Schwarzamsel geflogen und setzte sich dort oben nieder.
„Erlaubst du, daß ich einen Tropfen bei dir trinke, du alter Weidenbaum?“ fragte sie.
„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der Weidenbaum. „Übrigens bin ich gar nicht so alt. Sie sind nur übel mit mir umgesprungen.“
„Jawohl,“ sagte die Schwarzamsel, „du bist gestutzt. Das kennen wir.“
„Sei doch so gut, dir die Füße abzutrocknen,“ bat der Weidenbaum. „Ich meine bloß, damit das Wasser nicht trübe wird, falls ein andrer kommt und trinken will. Bei dieser Dürre kann man ja nie wissen.“
Da scheuerte sich die Schwarzamsel die Füße an einem Holzsplitter rein. Der Splitter ging los; und als der Vogel fortflog, lag ein ganz kleiner Erdklumpen da. Am nächsten Tage kam eine Schwalbe und dann eine Lerche, und später kamen noch viele andere Vögel. Denn es sprach sich ja bald herum, daß man, wenn Wassernot herrschte, in der Regel einen Tropfen Wasser bei dem gekappten, alten Weidenbaum in der Allee bekommen konnte. Alle hinterließen sie dies oder jenes; und im Herbst lag so viel da, daß es eines schönen Tages zusammenstürzte und das ganze kleine Loch anfüllte, worin das Wasser war.
„Du hast da wohl eine kleine Kneipe,“ meinte die Eiche.
„Warum soll man nicht freundlich gegen seine Mitmenschen sein?“ fragte der Weidenbaum. —
Es wurde Herbst; welke Blätter wehten in den Weidenbaum hinein und verfaulten dort. Schon am Ende des Sommers hatte sich eine Libelle da oben zum Sterben niedergelegt; einer der flockigen Samen des Löwenzahns war neben sie herabgesunken. Und der Winter kam, und der Schnee fiel auf den kleinen Fleck hinunter und blieb seine Zeit über liegen, genau wie unten auf der Erde.