„Ich bin nur ein kleiner Löwenzahn,“ sagte der Keim. „Ich habe mit einer Menge von Geschwistern auf Mutters Kopfe gesessen. Jeder von uns hatte einen kleinen Fallschirm auf. Fliegt jetzt, Kinderchen, sagte die Mutter; je weiter ihr wegfliegt, desto besser ist’s. Ich kann nicht mehr für euch tun, als ich getan habe; und ich will’s nicht leugnen: ich bin ein wenig besorgt um alle die Kinder, die ich in die Welt gesetzt habe. Aber es läßt sich nun mal nicht wieder gutmachen; und ich hoffe, ihr findet einen Fleck, wo ein ehrlicher Löwenzahn sich durchschlagen kann.“
„Ja, genau so muß eine kleine Blumenmutter sprechen,“ sagte der wilde Rosenstrauch.
„Und dann?“ fragte der Weidenbaum.
„Dann kam ja ein Windstoß,“ fuhr der Löwenzahn fort. „Und wir flogen alle in die Luft, von unsern Fallschirmen getragen. Wo die andern geblieben sind, davon hab’ ich keine Ahnung; aber ich entsinne mich, daß es auf mich zu regnen anfing; und da wurde ich hierher verschlagen. Natürlich dachte ich, wenn ich trocken geworden wäre, weiterfliegen zu können. Aber daraus wurde nichts; denn mein Fallschirm war entzweigegangen. Drum mußte ich bleiben, wo ich war. Zu meiner großen Verwunderung sah ich, daß ich Erde unter mir hatte. Und es kam immer mehr Erde hinzu; den ganzen Winter über habe ich darin versteckt gelegen, und nun bin ich ausgekeimt. Da hast du meine ganze Geschichte.“
„Das ist ja ein richtiges Märchen,“ rief der wilde Rosenstrauch.
„Wohl möglich!“ sagte der Löwenzahn. „Aber wie soll’s mir in Zukunft gehen? Offen gestanden, ich möchte für mein Leben gern wieder unten auf der Erde sein.“
„Ich will für dich tun, was in meinen Kräften steht,“ versicherte der Weidenbaum. „Ich habe selber mancherlei Unglück gehabt; und es dient mir zu großer Ehre und Ermunterung, daß du in meinem armen Kopfe wächst.“
„Vielen Dank für deine Freundlichkeit!“ erwiderte der Löwenzahn. „Freundlichkeit ist nicht so häufig hier in der Welt, so daß man sie anerkennen soll, wo man sie antrifft. Aber schließlich kommt alles auf das Talent an; und ich fürchte, daß es damit hapern wird.“
„Ich weiß wohl, woran du denkst,“ sagte der Weidenbaum betrübt. „Ich kann dir keinen Schatten geben, weil der Förster mir meine schöne Krone weggenommen hat. Meine langen Zweige da oben gefallen mir zwar sehr und ich möchte sie nicht entbehren; aber Schatten können sie nicht geben, und eine Krone werde ich nie wieder bekommen, das spüre ich wohl. Du hast wohl Angst, daß dich die Sonne zu sehr bescheinen wird?“