Die Schwarzamsel hatte den Weidenbaum als erster Gast besucht, und sie kehrte jedes Jahr oftmals wieder. Eines Tages kam sie sehr erschrocken an und bat, ob sie sich hier oben verstecken dürfe. Ein böser Junge habe den ganzen Vormittag mit einer Salonflinte nach ihr geschossen.

„Ich habe freilich Schonzeit jetzt,“ sagte sie. „Aber was machst sich so ein naseweiser Junge daraus! Und wenn man schon das Leben einbüßen soll, so kann man doch wenigstens verlangen, daß man in einer ordentlichen Dohne eingefangen wird.“

„Ich finde es angenehmer, erschossen zu werden,“ meinte der Weidenbaum. „Dann hat die Sache doch mit einem Male ein Ende!“

„Das finde ich nicht,“ erwiderte die Schwarzamsel. „Solange man noch am Leben ist, braucht man auch nicht aufzuhören zu hoffen. In der Dohne zappelt man und denkt, daß man doch noch einmal wieder loskommen könnte.“

„Ach ja,“ rief der Weidenbaum nachdenklich. „Wenn man es sich richtig überlegt, so ist es ja auch nicht anders mit mir. Ich sitze gleichfalls in der Schlinge und weiß, daß ich bald sterben muß, und doch hänge ich am Leben. Na ... ich habe ja jetzt auch ein gesegnetes Alter erreicht, wie die wilde Rose sagte. Wenn ich nur wüßte, woher alle die lieben Wesen, die oben auf mir wachsen, gekommen sind!“

„Das will ich dir sagen,“ berichtete die Schwarzamsel. „Du kannst überzeugt sein, daß die allermeisten durch mich hierhergekommen sind.“

Und dann erzählte sie, wie gern sie rote Beeren naschte, von dieser und von jener Sorte. Besonders gern hielt sie sich im Garten des Herrenhofs auf, der voll von den allerleckersten Sachen war. Und wenn sie dann im Weidenbaum saß und ihr Essen verdaute, so hinterließ sie wohl etwas, davon man in guter Gesellschaft nicht spricht, und das sich unmöglich in einem guten Buche erwähnen läßt. Und wenn man dann richtig nachsah, so waren darin die Keime.

„Ist das wahr?“ fragte der Weidenbaum. „Ja, natürlich ist es wahr. In Wirklichkeit verdanke ich dir also mein ganzes Glück!“

„Wahrscheinlich,“ sagte die Schwarzamsel und pfiff witzig vor sich hin. „Man hat ja — Gott sei Dank! — seine Mission hier in der Welt zu erfüllen. — Aber sieh nur ... ich glaube wirklich, da sitzt eine schöne, reife Erdbeere.“