GRÖSSERES BILD

„Ich bin tief unten in der Erde geboren — viel tiefer, als deine Wurzeln reichen. Da kamen wir, ich und meine Schwestern — denn wir sind eine große Familie, mußt du wissen — zur Welt als reine, kristallklare, kleine Quellen, und da unten mußten wir lange verborgen liegen. Aber eines Tages sprangen wir plötzlich an der Halde hervor, mitten im vollen, hellen Sonnenlicht. Du kannst dir nicht denken, wie herrlich das war, so durch den Wald dahinzutollen. Wir hüpften über die Steine und plätscherten gegen das Ufer. Hübsche Fischlein tummelten sich in uns, und die Bäume neigten sich über uns und spiegelten ihre grüne Pracht in uns. Fiel ein Blatt herunter, so wiegten wir es und liebkosten es und trugen es in die weite Welt hinaus. Oh — es war so schön! Das war die glückseligste Zeit meines Lebens.“

„Bekomme ich bald zu wissen, wie es zuging, daß du zu Nebel wurdest?“ fragte die Nachtviole ungeduldig. „Die Quelle kenne ich. Wenn es ganz still ist, kann ich sie von hier aus, wo ich stehe, rieseln hören.“

Der Nebel hob sich ein wenig und machte ein Tänzchen über die Wiese hin. Dann kam er zurück und erzählte weiter:

„Das ist das schlimmste hier im Leben, daß man nie zufrieden mit dem ist, was man hat. So liefen wir weiter und weiter, und zuletzt liefen wir in einen großen See hinaus, auf dem die Seerosen auf dem Wasser schaukelten und über dem die Libellen mit ihren großen, steifen Flügeln schwirrten. An der Oberfläche war der See blank wie ein Spiegel, aber wir mochten wollen oder nicht, wir liefen ganz unten am Boden entlang, wo es dunkel und unheimlich war. Und das konnte ich nicht aushalten. Ich sehnte mich nach den Sonnenstrahlen. Die kannte ich ja so gut von der Zeit her, wo ich mit im Bache dahinlief. Da guckten sie zwischen den Blättern durch und fuhren wie hastige Lichter über mich hin. Ich wollte sie wiedersehen, drum schlich ich an die Oberfläche hinauf und legte mich im Sonnenschein mitten zwischen die weißen Seerosen und ihre großen, grünen Blätter. Aber, o weh, wie die Sonne da draußen auf dem See brannte! Es war gar nicht auszuhalten, und ich bereute es bitterlich, daß ich nicht da unten auf dem Grunde geblieben war.“

„Das macht mir keinen Spaß,“ sagte die Nachtviole. „Kommt nun bald der Nebel?“

„Hier ist er!“ drohte der Nebel und legte sich von neuem um die Blume, daß ihr fast der Atem verging.

„Au! Au!“ schrie die Nachtviole. „Du bist wahrhaftig der hitzigste Gesell, den ich kenne. Weg mit dir; und erzähle weiter, wenn es denn nicht anders sein kann.“

„Am Abend, als die Sonne untergegangen war, wurde mir plötzlich so sonderbar leicht zumute,“ fuhr der Nebel fort. „Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir war, als müßte ich aus dem See aufsteigen und fliegen. Und ehe ich mich’s versah, schwebte ich wirklich über dem Wasser, fort von den Libellen und Seerosen. Der Abendwind trug mich von dannen; hoch in der Luft flog ich, da traf ich viele von meinen Schwestern, die ebenso neugierig wie ich gewesen waren, und denen es ebenso ergangen war. Wir schwebten am Himmel dahin ... wir waren Wolken geworden, verstehst du?“