„Ich weiß nicht,“ sagte die Nachtviole. „Sehr glaubwürdig klingt das eigentlich nicht.“

„Aber wahr ist es doch,“ antwortete der Nebel. „Höre jetzt weiter ... Ein langes Stück trug uns der Wind durch die Luft. Aber da auf einmal mochte er nicht mehr und ließ uns fahren. Als ein plätschernder Regen fielen wir auf die Erde nieder. Die Blumen hatten es eilig damit, sich zu schließen; und die Vögel verkrochen sich — nur die Enten und Gänse nicht; denn die waren um so froher, je nässer sie wurden. Ja ... und dann der Bauer, der freute sich, weil sein Getreide Wasser nötig hatte. Er machte sich nichts daraus, daß er naß wurde. Aber sonst richteten wir gar große Verwirrung an.“

„So so, also der Regen bist du auch,“ sagte die Nachtviole. „Hör’ mal, du hast eigentlich ziemlich viel zu besorgen.“

„Ja ... ich habe nie Ruhe,“ erwiderte der Nebel.

„Aber ich habe nun doch nicht gehört, wie du zu Nebel wurdest,“ sagte die Nachtviole. „Werd’ aber nur nicht gleich wieder hitzig ... du hast mir ja selbst versprochen, es mir zu erzählen; und ich will lieber die ganze Geschichte von vorne hören, als noch einmal in deinen widerwärtigen, feuchten Armen liegen.“

Der Nebel lag ein Weilchen traurig da, und dann erzählte er weiter:

„Nachdem ich als Regen zur Erde niedergefallen war, sank ich durch das schwarze Erdreich hindurch und freute mich schon darauf, an meinen Geburtsort zurückzukommen, zu der tiefen, unterirdischen Quelle. Da hatte man doch wenigstens Frieden und keine Sorgen. Aber wie ich schön sank, saugten mich die Wurzeln der Bäume auf; und ich mußte mich dareinfinden, den lieben, langen Tag rings in den Zweigen und Blättern umherzuspazieren. Die gebrauchen mich als Lasttier, verstehst du. All die Nahrung, die die Blätter und Blüten nötig hatten, mußte ich von der Wurzel her zu ihnen hinaufschleppen. Erst am Abend kam ich frei. Als die Sonne untergegangen war, seufzten alle Blumen und Bäume tief auf, und ich und meine Schwestern flogen bei ihren Seufzern fort als helle, leichte Nebel. Heute nacht tanzen wir auf der Wiese. Aber morgen, wenn die Sonne aufsteht, werden wir wunderschöne, klare Tautropfen, die unter deinen Blättern hängen. Dann schüttelst du uns ab; und wir sinken tiefer und tiefer, bis wir zu der Quelle kommen, von der wir herstammen, wenn uns nicht diese oder jene Wurzel unterwegs aufschnappt. Und dann geht die Fahrt weiter: durch den Bach, in den See hinaus, in die Luft hinauf und wieder zur Erde nieder ...“

„Halt!“ rief die Nachtviole. „Mir wird ganz schwindlig, wenn ich dich höre.“