Und vor den Deichen lag das Meer und hatte seine Ebbe und Flut und spülte über Salzkräuter hin, die Schlick sammelten, neues Land bildeten und von dem Strandhafer erstickt wurden — genau so wie früher.
Dann kam ein Tag, wo einmal ein Hänfling in dem Fliederstrauch im Garten des Bauern saß. Er war auf dem Wege nach Süden, denn es war Herbst; seine Kinder waren längst flügge, und die Fliegen begannen spärlicher zu werden.
„Das ist ein schönes Land,“ sagte er und sah über all das Grün hin. „Wären hier mehr Bäume, so hätte ich Lust, hier zu wohnen, wenn ich im Frühling zurückkomme.“
„Ich bin das schönste Land der Welt!“ sagte die Marsch. „Aber ich bin auch auf seltsame Art entstanden. Aus dem Meere bin ich emporgestiegen. Das Meer hat mich gebildet. Vögel und Fische, Tang und Salzkräuter und tausend andere Tiere und Pflanzen haben mir jeder sein Scherflein gegeben. Darum bin ich schöner und merkwürdiger als alle andern Teile der Erde.“
„Hat das Meer dich gebildet?“ fragte der Hänfling. „Wie merkwürdig! Ich habe immer gedacht, das Meer tut nur Böses. Darüber muß ich etwas Näheres hören. Erzähle! Ich habe Zeit. Die Sonne scheint heute so warm, und ich habe hier im Garten siebzehn Fliegen gefunden. Erst heute nacht reise ich weiter.“
Und die Marsch erzählte, wie alles zugegangen war.
„Hörst du das Meer draußen hinter den Deichen?“ fragte sie zuletzt. „Es ist meine Mutter. Ihr verdanke ich das Leben. Geduldig hat sie Millionen kleiner Stücke Lehm und Sand und Kreide zusammengetragen, um mich daraus zu bauen. Sie hat mich mit ihren eigenen Pflanzen gedüngt. Sie blieb stillstehen, damit das alles Zeit fände, zu sinken, und damit ich fest und gut würde.“
„Ja,“ sagte der Hänfling. „Ich kenne auch eine Geschichte vom Meere. Die sollst du jetzt hören. Sie spielt viele, viele Meilen weit von hier; und es ist viele, viele Jahre her. Dort lag ein Land, so schön wie du, aber ganz anders. Das ragte mit weißen Felsufern zum Himmel auf und trug grüne Wälder, wogendes Getreide und üppiges Gras. Im Walde sangen die Vögel, und die Hirsche sprangen. Die Bauern pflügten ihren Boden, und überall dufteten die Blumen. Ganz zu äußerst am Felsufer hatte der Gutsherr sein Schloß erbaut. Mit Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen ragte es in die Lüfte.“
„Das Land möchte ich sehen,“ sagte die Marsch.