„Du kannst nicht hinkommen,“ fuhr der Hänfling fort. „Denn jenes Land existiert nicht mehr. Es ist eines Tages zusammengestürzt, und das Meer ist schuld daran.“
„Du lügst,“ sagte die Marsch. „So etwas könnte das Meer niemals tun. Es kann wohl hier und da einmal böse werden und bis über die Deiche hinaufspritzen. Ich habe auch den Bauern erzählen hören, daß es eines Nachts zur Zeit seines Urgroßvaters ganz über mich hereingebrochen ist. Doch am nächsten Tage lief es wieder durch die Schleusen hinaus und lag hübsch da und baute Land wie früher.“
„Ich lüge nicht,“ sagte der Hänfling. „Höre weiter! Jeden Tag nahm das Meer ein Stück Kreide von dem Felsen fort und höhlte ihn so völlig aus. Dann schüttelte sich das Meer mit aller Gewalt und nahm einen Anlauf, und da stürzte das Felsufer ein. Menschen und Tiere und Bäume und Blumen stürzten nieder und wurden zerschmettert. Die Burg fiel ein mit ihren Türmen und Zinnen und goldenen Wetterfahnen. Am nächsten Tage überspülte das Meer das Ganze in aller Ruhe, als ob nichts geschehen wäre.“
„Ich glaube dir trotzdem nicht,“ sagte die Marsch. „Woher weißt du das?“
„Ich habe es von meiner Urururururgroßmutter,“ erzählte der Hänfling. „Die hatte ihr Nest in einer wunderschönen Buche. Fünf Junge hatte sie und dann natürlich einen Mann. Die stürzten alle nieder und kamen in den Wellen um. Sie selbst wurde durch ein reines Wunder gerettet. Aber die Katastrophe hatte sie so erschüttert, daß sie sie nie vergaß. Als sie im nächsten Jahr aus Italien zurückkehrte und einen neuen Mann nahm und sechs neue Kinder bekam, da erzählte sie es ihnen. Und die haben es ihren Kindern erzählt. Und so ist es bis zu mir gelangt. Und du kannst überzeugt sein, daß die Geschichte von dem bösen Meer sich von Generation zu Generation forterben wird.“
„Ich kann es nicht glauben,“ rief die Marsch.
„Warte ein wenig,“ sagte der Hänfling. „Was ist denn das da?“ Er flog auf den Deich, wohin der Bauer die alte, rostige Wetterfahne geworfen hatte, betrachtete sie und hackte mit dem Schnabel darauf.
„Das ist eine Wetterfahne!“ sagte er. „Und zwar eine feine Wetterfahne ist es gewesen. Vielleicht war sie auf dem Schloß am Felsufer angebracht. Du solltest das Meer einmal fragen.“
Die Marsch lag ein Weilchen da und dachte nach. Das Meer war unruhiger als gewöhnlich. Ab und zu spritzte Schaum über den Deich auf.