„Wie sollte ich den vornehmsten Vogel im ganzen Lande nicht kennen?“ wehklagte der Regenwurm. „Die Frösche zittern ja vor Euch in den Gräben, und die Schlangen ziehen Siebenmeilenstiefel an, wenn sie Euch nur in der Ferne erblicken. Ach ja! Ihr habt, weiß Gott, viele Hunderte meiner Brüder gefressen.“
„Allerdings,“ erwiderte der Storch, „und bei Gelegenheit fresse ich dich natürlich auch. Zufällig bin ich im Augenblick satt. Dafür kannst du deinem Schöpfer danken.“
„Ich danke Ew. Hochwohlgeboren viel tausendmal,“ sagte der Regenwurm. „Oh ... ich kenne Euch ja so gut vom Hörensagen. Die Menschen verehren Euch mehr als irgendeinen andern Vogel. Ihr seid es doch wohl, der die kleinen Kinder bringt?“
„Nun,“ antwortete der Storch ein wenig verlegen und setzte das Bein hastig wieder auf die Erde. „So ist es eigentlich nicht ... das heißt: das ist eine Übertreibung. Übrigens habe ich nichts dagegen, daß man sich das erzählt. Es verleiht einem immerhin ein gewisses Ansehen.“
Inzwischen war der Regenwurm ein Stück weitergekrochen.
„Wohin willst du?“ fragte der Storch und hackte mit seinem langen Schnabel ein wenig auf den Rücken des Wurmes ein.
„Au ... ach ... Verzeihung!“ stöhnte der Wurm. „Ich wollte bloß zu meinem Erdloche hin. Ich habe keine Zeit, hier zu liegen und zu faulenzen, und wage außerdem nicht, Ew. Hochwohlgeboren Edelmut zu mißbrauchen.“
„Solange ich Zeit habe, hast du sie auch, sollte ich meinen,“ belehrte ihn der Storch. „Ich verspreche dir, daß ich dich nicht fressen werde; und ein Kavalier hält sein Wort. Aber das gilt nur für heute und für den Fall, daß ich nicht hungrig werde.“
„Ihr seid zu gütig,“ antwortete der Regenwurm ehrerbietig.
Nun fing der Storch an, auf dem Wege auf und ab zu spazieren. Er legte den Nacken zurück, drückte den Bauch heraus und hob die Beine ungeheuer hoch. Aber dann fiel ihm ein, daß der Regenwurm ihn ja nicht sehen konnte, und da stand er wieder still. In diesem Augenblick rief die Störchin oben vom Neste her, und er klapperte mit dem Schnabel, um ihr zu antworten.