Der Regenwurm kroch eifrig näher und erzählte; denn er war es nicht gewohnt, daß jemand Lust hatte, ihm zuzuhören.

„Habt Ihr nicht bemerkt, daß die welken Blätter zuweilen zusammengerollt auf der Erde stehen wie eine Tüte, mit der Spitze nach unten? Das ist mein Werk. Ich tu’ es in der Nacht, wenn es dunkel und still ist, und niemand mir etwas zuleide tut. In der nächsten Nacht ziehe ich weiter daran; und das setze ich fort, bis das Blatt ganz in die Erde hinabgezogen ist. Dann mache ich Erde daraus.“

„Das interessiert mich.“

„Ach, wenn nur alle so gnädig wären wie Ew. Hochwohlgeboren! Ich will mich wirklich nicht rühmen, denn andere würden es gewiß viel besser machen. Aber wenn man ein fleißiger Regenwurm ist und seine Pflicht tut und keiner Menschenseele ein Haar krümmt, dann ist es hart, von allen verkannt und verfolgt zu werden. Du lieber Gott! Sobald man das Unglück hat, Ew. Hochwohlgeboren in den Weg zu laufen, wenn Ihr hungrig seid, oder wenn die jungen gnädigen Herren oben im Nest eine kleine Erfrischung nötig haben, dann wird man natürlich gefressen. Das ist ganz in der Ordnung, und ich sage nichts dazu. Aber alle verachten uns und treten auf uns herum. Sie nennen uns häßlich; doch was sollten wir wohl unten in der feuchten, schwarzen Erde mit schönen Kleidern anfangen? Dann könnten wir ja unsere Arbeit gar nicht verrichten. Sie treten uns und glauben, wir haben kein Gefühl im Leibe; die Knaben hängen uns an den Angelhaken ... Ach, Ew. Hochwohlgeboren, es ist mitunter nicht leicht für einen, der tut, was in seinen Kräften steht.“

„Hm hm!“ sagte der Storch. „Du weißt dich ja in ein ganz gutes Licht zu rücken, wenn du erst einmal in Gang kommst. Ich habe wirklich Mitleid mit dir.“

„Tausend Dank, Ew. Hochwohlgeboren!“ sagte der Regenwurm und wand sich. „Seht, es gibt für einen Regenwurm nichts Schöneres, als an einem feuchten Sommerabend nach beendetem Tagewerk ganz langsam auf der Erde herumzukriechen. Dann genießt man das Leben so recht und sucht sich die Blätter aus, die man zur Nacht hinunterziehen will. Aber man wagt es kaum, weil die Leute so schlecht sind. Zum Beispiel der Pastor, der hier wohnte, das war ein guter Mann; aber er hatte nicht das richtige Verständnis. Ich hörte einmal, wie er zu einem von den Jungen, der auf einen Wurm trat, sagte, das dürfe er nicht; es sei zwar ein ekelhaftes Tier, und er solle es nicht anrühren; aber er dürfe ihm auch kein Leid antun, denn es sei doch eins von des Herrgotts Geschöpfen. Das war ja sehr schön; aber warum sagte er dem Jungen nicht lieber, daß wir schlichte Kleider haben, weil wir arbeiten, und daß unsere Arbeit allen anderen Tieren und den Menschen zugute kommt.“

„Tja—a!“ sagte der Storch. „Da haben wir diese Unwissenheit.“

„Könnte Ew. Hochwohlgeboren nicht ein gutes Wort für uns einlegen?“ bat der Regenwurm.

Der Storch blähte sich und sah sehr tiefsinnig aus, als er antwortete:

„Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. An dem, was du da sagst, ist etwas Wahres; und du tust mir wirklich leid; aber ich weiß nicht recht; vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich hungrig werde. Doch ich will mir die Sache überlegen. Ich bin ja nicht ohne Einfluß bei den Menschen. Allerdings fresse ich Frösche und Schlangen und eine ganze Menge andere ihnen nützliche Tiere; aber ich bin ja schön und ziemlich selten, und dann ist da noch das mit den Kindern, du weißt ja. Wie gesagt, ich werde es mir überlegen.“