Zurzeit ist es kein Risiko, einen Blick hineinzuwerfen. Es steht weiter nichts drin als eine alte Studie von Lisbeth und eine Skizze zu einem der Wandgemälde für die Mädchenschule in Gotenburg. Es ist die alte Anna, die dort als Modell für eine Hausfrau aus dem fünfzehnten Jahrhundert sitzt.
Die Anna gehört nicht zu meinen Verehrerinnen, sie findet, daß ich sie so alt „abmale“: und sie ist doch nur neunundsechzig Jahre alt (wie sie sagt).
Ihr verdanke ich die Entdeckung, daß die Hütte ihr Gespenst hat. Eigentlich muß man Kapo die Ehre dieser Entdeckung lassen. „Denn die Tiere sehen, was unseren Blicken verborgen ist,“ so sagt wenigstens Anna. Während der langen Wintermonate, die wir in Stockholm verbringen, wird die Hütte von Anna und Kapo versorgt und bewacht. Eines Nachts fuhr Kapo aus dem Schlaf, zitternd, bellend und winselnd, und das, was die Alte da über den Fußboden schreiten sah —, ja, das war das Gespenst der Hütte! Jetzt kennt und weiß es die ganze Gemeinde; und hat seitdem um die Weihnachtszeit, während der wir stets in Sundborn sind, irgend einer der Dorfbewohner etwas bei uns zu suchen, so benutzt er sicherlich die kurze Zeit am Tage, wo es noch hell ist, um die Hütte nicht nach Eintritt der Dunkelheit betreten zu müssen.
Ja, auch ich habe das Gespenst wohl bestimmt gehört. Aber gesehen hab’ ich es nie.
Als ich meinen Kindern einmal erzählte, daß es aussehe wie eine alte magere Frau, in einer Mütze mit langen Bändern unter dem Kinn — uhh — mit, man weiß nicht was — uuhh — in ihrer gestreiften Schürze, da schrieen sie mir alle, wie aus einem Munde entgegen: „Nein, so sieht es ganz und gar nicht aus. Es ist ein schwarzer Mann mit glühenden Augen!“ Ich muß wirklich gestehen, daß ich mich furchtbar schämte darüber, daß ich so wenig über das Aussehen meines eigenen Gespenstes orientiert war! Meinetwegen darf es ja freilich aussehen wie es will; ich sage nur, „Gott segne es, weil es so viel dazu beigetragen hat, die Poesie der Hütte zu erhöhen“.
Aber, wir wollten uns ja im Atelier umsehen: Du siehst einen alten gestützten Tisch, der einige Jahrhunderte hindurch wohl noch ausreichen wird. Auf dem kolossalen, alten Lehnstuhl dort, der sicherlich wenigstens zwei Jahrhunderte hinter sich hat, habe ich gesessen und alle die Bilder gezeichnet für „Sehlstedts Lieder“ und Victor Rydbergs „Singoalla“. Er leistet einem ordentlich Gesellschaft, denn er spricht und räsonniert während der ganzen Zeit, die man dasitzt, vor sich hin. Er hat die gleichen Eigenheiten und Manieren, wie die meisten Alten.
„Du warst ein Windhund und Durchgänger, Carl Larsson,“ sagt er, „glaube nur, ich weiß schon Bescheid über Deine Vergangenheit. Du bist ein ganz verwöhnter Schlingel, der immer gelobt wurde, statt etwas auf die Finger zu bekommen. Und wie unverschämt Du ältere Leute wie mich behandelst! Es geschieht Dir ganz recht, wenn Du jetzt getadelt wirst, gerade, wenn Du versuchst, etwas Ehrbares aus Dir zu machen. Und jammerst Du auch etwas, so verringert das doch keineswegs Deine große Schuld. Sei dankbar für die Schläge, Tunichtgut!“ ...
Ho, ho, ist das ein alter Nörgler. Mitunter wird er so unangenehm, daß ich fortgehen muß. Dann wird er ganz still und verlegen. Im Grunde genommen mag er mich wohl doch ganz gern leiden. Das habe ich gemerkt, wenn ich zuweilen in einem Augenblicke tiefsten Mißmuts meinen Kopf an seine eine Seitenlehne legte, denn da fühlte ich es so weich und sanft. Und deutlich hörte ich ihn dann murmeln: „Weine Dich ruhig aus, mein Junge, aber nimm Dich in acht, daß es niemand merkt!“
Vielleicht ist es unfein von mir, das Verhältnis zwischen dem alten Lehnstuhl und mir der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber nein, wieso!
Am Paneel läuft ein Wandfries entlang, der das Leben des Erlösers darstellt. Es ist ein im vorigen Jahrhundert gemaltes Bauerngemälde aus der Provinz Halland. Alle Personen außer Christus selbst, in der damaligen Tracht jenes Landes. Es besitzt dieselbe ursprüngliche Naivität und Grazie wie Giottos Fresken, aber für mich hat es ein weit höheres Interesse.