Frieden zu Frankfurt a. M. Die drei großen Ergebnisse des blutigen Krieges sind: 1. Das Aufhören der vorherrschenden Machtstellung Frankreichs. 2. Deutschland gewinnt eine sichere Westgrenze. 3. Die seit langen Jahren erstrebte Einigung Deutschlands ist verwirklicht.

14. April.

Der nach Berlin berufene Reichstag genehmigt fast einstimmig folgende Reichsverfassung: 1. An der Spitze des Reiches steht als Deutscher Kaiser der König von Preußen; die Kaiserwürde ist mit der Krone Preußens fortan erblich verbunden. Der Kaiser vertritt das Reich völkerrechtlich, erklärt Krieg und Frieden (mit Zustimmung des Bundesrats), schließt Bündnisse und Verträge, führt den Oberbefehl über die gesamte deutsche Land- und Seemacht. 2. Die Vertretung der 25 Staaten bildet der Bundesrat (im ganzen 58, seit 1911 61 Stimmen: Preußen 17, Bayern 6, Sachsen und Württemberg je 4, Baden, Hessen und Elsaß-Lothringen je 3, Mecklenburg-Schwerin und Braunschweig je 2, die übrigen je 1); den Vorsitz führt der Reichskanzler (der erste: Fürst Bismarck). 3. Die Vertretung der Bevölkerung bildet der zum 21. März 1871 zum erstenmal nach Berlin berufene deutsche Reichstag, bestehend aus 382 (seit Hinzutreten der Elsaß-Lothringischen 397) Abgeordneten, die aus allgemeinen und direkten geheimen Wahlen hervorgehen. Einheitliches Heerwesen mit allgemeiner Wehrpflicht: Im stehenden Heere 7 Jahre; hiervon aktiv bei Kavallerie und reitender Feldartillerie 3 Jahre, sonst seit 1893 2 Jahre; die übrige Zeit in der Reserve. Landwehrpflicht (I. und II. Aufgebot) bis zum vollendeten 39. und Landsturmpflicht bis zum vollendeten 45. Lebensjahre. Das Reich bildet ein Zollgebiet (S. 351). Gemeinsames Post- und Telegraphenwesen, gleichmäßige Verwaltung der Eisenbahnen. Einheitliches Dezimal-, Münz-, Maß- und Gewichtssystem; Einheit des Rechts. Bayern und Württemberg haben sich Sonderrechte, namentlich in der Heeres- und Postverwaltung, vorbehalten.

Das Gebiet des neuen Deutschen Reiches umfaßt 544000 qkm; 1871: 41 Millionen, 1910: rund 65 Millionen (Preußen 40 Mill.) Einwohner. Das Reichsland Elsaß-Lothringen wird seit 1879 von einem Statthalter des Kaisers regiert (Gen. v. Manteuffel bis 1885, Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst bis 1894, Fürst Hohenlohe-Langenburg bis 1907, seitdem Graf v. Wedel). Anfangs im Bundesrat nicht vertreten, erhält es 1911 als 26. selbständiger Bundesstaat 3 Stimmen eingeräumt (S. 397).

Ihre Einkünfte erhalten die Einzelstaaten hauptsächlich aus direkten Steuern und aus der Verwaltung der Eisenbahnen, das Reich aus den Zöllen und indirekten Steuern, sowie aus Beiträgen der Einzelstaaten, soweit erforderlich (Matrikularbeiträge). Das Reich bestreitet die Ausgaben für Heer und Kriegsflotte. Grundlagen der Reichseinheit sind das deutsche Handelsgesetzbuch, schon 1861–65 in den meisten Staaten des Deutschen Bundes eingeführt, das deutsche Strafgesetzbuch von 1870, die Gesetze des Norddeutschen Bundes über Freizügigkeit 1867, die Gewerbeordnung 1869, das Bürgerliche Gesetzbuch (B.G.B.) 1900 u. a. (s. S. 394 ff.).

1871. März-Mai.

Herrschaft der sozialistischen Kommune in Paris. Nach der Kapitulation hatten sich die als Nationalgarde bewaffneten Arbeiter vieler Kanonen bemächtigt und die nordöstlichen Teile der Stadt (namentlich Montmartre und Belleville) fast in Festungen verwandelt. Der Versuch der Linientruppen, ihnen die Kanonen wieder abzunehmen, führt zu einem Aufstand; die Linientruppen räumen die Stadt und die Forts der Südseite. Der von den Aufständischen erwählte Gemeinderat (la Commune) verfügt Erpressungen und Gewaltmaßregeln. Schreckensherrschaft der Sozialisten unter Mitwirkung eines Ausschusses der »Internationale« (s. S. 394). Plünderung der Kirchen, Verhaftung des Erzbischofs Darboy und anderer »Geiseln«; fast alle werden schließlich ermordet. Ein Angriff auf die zum Schutze der jetzt in Versailles tagenden französischen Nationalversammlung vereinigten Truppen mißlingt, hauptsächlich infolge des Geschützfeuers vom Mont Valérien.

6. April.

Zweite Belagerung von Paris, unter Leitung Mac-Mahons, von Süden und Westen her, während die deutschen Truppen unter Beobachtung strenger Neutralität die nördlichen und östlichen Forts besetzt halten. Fort Issy genommen (9. Mai). Endlich dringen die Versailler Truppen in die Stadt ein; verzweifelter Barrikadenkampf (21.–28. Mai). Die Hauptgebäude der Stadt (Tuilerien, Finanzministerium, Polizeipräfektur, Stadthaus u. a.) werden von den Aufständischen in Brand gesteckt, die Vendômesäule (S. 317) zerstört. Blutige Niederwerfung des Aufstandes; gegen 17 000 getötet, 50 000 gefangen; viele später zur Verbannung nach Neu-Kaledonien verurteilt.

1873. Sept.