Die Afrikaforscher, welche durch ihre günstigen Berichte über den »humanen König« von Uganda die Missionare in die Höhle dieses Löwen lockten, lernten während ihres kurzen Aufenthaltes nur die Außenseite kennen, die allerdings einen guten Eindruck machte. Die Waganda zeichneten sich durch einen gewissen Grad von Zivilisation von den übrigen Stämmen, die in trostlosem Zustande lebten, vorteilhaft aus. Ihr König regierte als absoluter Herrscher zeitweilig mit rechtlichem Sinn und in fortschrittlichem Geiste. Bei den Untertanen genoß er göttliches Ansehen. Sie brachten ihm das Beste ihres fruchtbaren Landes als Steuer dar. Die Araber waren schon seit Generationen am Hofe heimisch. Die Fremden wurden stets freundlich und großartig am Hofe empfangen, freilich nicht aus königlicher Tugend, sondern aus heidnischer Eitelkeit. Der Reisende Speke, welcher den Niansa entdeckte, lernte Mtesa noch als Heide kennen. Stanley fand ihn bei seinem ersten Besuch als Mohammedaner vor und brachte ihn soweit, daß er vor versammeltem Hofe eine Art öffentliches Bekenntnis zum Christentume ablegte. Ein religiöses Verlangen lag diesem Wechsel aber nie zugrunde, sondern die unersättliche Gier nach Ansehen, Ehre und Macht. In seiner Eitelkeit verstieg er sich soweit, daß er an Mackay das Ansinnen stellte, ihm die Tochter der Königin Viktoria von England zur Frau zu verschaffen. Diese »Heirat« leuchtete ihm um so mehr ein, nachdem man ihm klargemacht hatte, daß er, statt tausend Elefantenzähne zu zahlen, einen Brautschatz bekommen würde.

»Wenn man länger hier lebt,« berichtet Mackay, »dann verschwindet Glanz und Gastfreundschaft schnell. Man wird über die barbarischen Zustände am Hofe selbst mit Ekel erfüllt. Erhebt man erst die Stimme gegen die Treulosigkeit, Verlogenheit und Lasterhaftigkeit, gegen die Mordgier und Grausamkeit, dann wendet sich das Blatt, und der wahre Charakter des Volkes kommt zum Vorschein. Statt Gastfreundschaft findet man Haß, anstatt des täglichen Brotes kann man dem Hunger ausgesetzt werden. Man wird nicht mehr als willkommener Wohltäter des Volkes, als Lehrer der Wahrheit, als Führer zum Licht und Recht, sondern als lästiger Spion betrachtet, der neue Sitten einführen und das gute Alte stürzen will.«

»Mtesa ist ein Heide durch und durch. Er besitzt alle teuflischen Eigenschaften und ist unfähig, seine tierischen Leidenschaften zu zügeln. Alles dreht sich bei ihm ums liebe Ich.« Mehrjährige Erfahrung und Beobachtung lehrte Mackay und seine Mitarbeiter, daß alle scheinbaren großmütigen Handlungen des Königs darauf berechnet waren, Ruhm zu ernten. Eitelkeit war die Mutter seiner Tugenden. Nach seiner Ansicht ist Uganda und die ganze Welt nur seinetwegen da.

Im Jahre 1881 sandte er ein Heer nach Osten und eins nach Westen, nicht um Krieg zu führen, sondern um zu morden, zu rauben und zu plündern. Ein Jahr später gab er den Befehl, jeder Mann im Lande müsse am Handgelenk eine Perlenschnur tragen; wer dem Befehl nicht nachkomme, dem werde die Hand abgehackt werden. Jede Frau hingegen solle eine Perlenreihe um die Taille tragen, sonst werde an dieser Stelle der Körper durchschnitten werden.

Jedes Verbrechen und jede Scheußlichkeit war in dem Lande zu Hause. Täglich wurden aus schändlichem Mutwillen viele unschuldige Opfer umgebracht. Lange Zeit hindurch wußten die Missionare nichts davon. Man tat es aus Rücksicht auf sie nicht so öffentlich wie früher. Nach und nach erst durchschauten sie das grausige Treiben der zahlreichen königlichen Scharfrichter, welche abends auf den einsamen Wegen ihren Opfern auflauerten, sie knebelten und am anderen Tage ermordeten, nicht weil sie etwas verbrochen hatten (danach fragte man nicht), sondern weil der König geruhte zu wünschen, daß täglich ein Quantum Menschenblut zur Mehrung seiner Ehre und Macht fließe. Die Scharfrichter mußten zusehen, wie sie ihre Beute finden konnten. Und das niedere Volk, welches keine mächtigen Häuptlinge zu Beschützern hatte, mußte diese Opfer stellen.

»Es ist dunkel, 10 Uhr abends. Alles ist ruhig. Auch drüben auf der anderen Seite des kleinen Tales ist der letzte Trommelwirbel verklungen, weil dort der Scharfrichter seine Opfer für den Tag beisammen hat. Ihr Blut wird morgen fließen. Plötzlich ertönt ein gräßlicher Schrei vom Wege nach dem Missionsgehöft herüber, dann das Geschrei verworrener Stimmen, wiederum ein Schrei, der das Blut erstarren macht – und alles ist wieder still. ›Hihihi! – hast du's gehört?‹ grinste einer der jungen Burschen, die bei Mackay waren, ›sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten! Hihihi!‹ Und er lachte. Es war das teuflische Lachen der Waganda aus Freude an der Grausamkeit.« – Der arme Mensch war allein und spät auf dem Wege von den Aufpassern des Königs, welche abends für Ruhe und für Sicherheit zu sorgen haben, aufgefunden und sofort getötet worden, weil es dem blutgierigen Hofe also gefällt und die Aufpasser nur dann höher in der Gunst steigen, wenn sie durch solche Aufmerksamkeit ihre Tüchtigkeit erweisen. »Wer kann sie alle zählen, die am Morgen Gottes Sonne schauen und ehe der andere Morgen dämmert, gewaltsam in die Ewigkeit befördert sind!«

Daß »der humane König«, wie er oft genannt wurde, als er zum Islam übertrat, an einem Tage zweihundert Jünglinge lebendig verbrennen ließ, weil sie bei Annahme der neuen Religion etwas weiter gingen als er selbst und sich noch beschneiden ließen, haben wir früher schon angedeutet.

Mit den Einzelhinrichtungen begnügt sich die teuflische Mordgier jedoch nicht. Fast alljährlich fanden Massenabschlachtungen, sogenannte Kiwendo statt. Mtesas Vater pflegte solche öfters anzuordnen, und der Sohn durfte nicht hinter dem Beispiel seines Vaters zurückbleiben. Zu einem zünftigen Kiwendo gehörten zweitausend Opfer, die man vorher mit großer List einfing und dann an einem Tage abschlachtete. Solche Kiwendos fanden statt, während die Missionare am Hofe jahrelang und täglich lehrten.

Im Jahre 1880 ließ der König die Grabstätte seines Vaters neu aufbauen. Um dieselbe her sind hundert kleine Hütten errichtet worden. Sie dienen den vielen Zauberinnen als Wohnort, in die der Geist des verstorbenen Königs gefahren sein soll. Als der Umbau sich der Vollendung näherte, wurden die Scharfrichter angewiesen, ein Kiwendo vorzubereiten. Am Tage der Vollendung wurde dem abgeschiedenen Geiste des mordgierigen Suma zweitausend unschuldige Menschen als Sühnopfer dargebracht. Überwacht wurde der Hüttenbau sowohl wie die Massenhinrichtung von drei Häuptlingen, die bei den Missionaren lesen und Gottes Wort kennen gelernt hatten.

Ein Jahr später befahl Mtesa abermal ein großes Kiwendo. Ein Zauberer hatte es ihm im Interesse seiner königlichen Genesung angeraten. Die Häscher waren fleißig bei der Sache, und bald hatten sie ihre Zahl (zweitausend) beisammen. Fünf Personen ergriff man vor dem Tore des Missionshofes. Bei der Abschlachtung wurden einigen die Hälse abgeschnitten, andere aber zu Tode gefoltert. Man schnitt ihnen die Ohren ab, stach ihnen die Augen aus oder schnitt ihnen Stücke Fleisch aus Armen und Beinen und briet sie vor ihnen. Dann erst verbrannte man die Ärmsten bei lebendigem Leibe.