»Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glück Ihres Lebens den größten Einfluß haben wird?«

»Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das Gute nicht halb thut. Ich bedarf dieser Prüfung, um mich zu einer edeln That würdig zu stärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo, wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt so sehr beglückte?«

»Wenn Sie mir folgen wollten?... ich führe Sie.«

»Recht; geschwinde mein Freund! Sie noch einmal zu sehen — sie zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise anzuordnen. —«

Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden gingen vorüber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. Die Wirthin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend in's Auge gefaßt hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem kühlen Bescheide zurück; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu danken, und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite Stunde des Nachmittags der Doctor geschickt hatte, mit den lakonischen Worten: »Fassen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. So eben ist er fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe lassen!«

Der Senator küßte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat dann zu seiner Familie und sagte: »Mein armes Bräutchen Justine! Dein Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am Tage des Herrn sammt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder gesund zu uns zurückbringe!«

»Endlich wieder ein frommer Vorsatz,« erwiderte die Senatorin: »nur Schade, daß der Bürgermeister dich heute zur Gottesfurcht bekehren mußte. Bei alle dem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Französin, die sich auch seit dem Morgen nicht sehen ließ, den zu täppigen Sans façon nicht berückte!«

Justine schwieg; aber in ihre Augen traten unwillkürlich Thränen: unwillkürlich seufzte der Mund. »Ja, Vater,« sagte sie, als dieser am Abend freundlicher und ruhiger als seither Abschied von den Seinen nahm: »wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit Eintracht und Friede nicht von uns weiche!«

Am nächsten Morgen stand Pater Münzner sehr frühe auf, um sich zu dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich faßte ihn dieser bei der Hand, und rief: »Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst hätte ich Ihnen gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte! Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!«

»Verstehe ich dich, Unbegreiflicher?« fragte Münzner staunend.