»Ja, wild bist du, meine Ines. Wie du auf dem schnaubenden Pferde dahersprengtest, und an mir vorüberjagtest; ... mir bangte für dich.«
Ines lachte. »Seid ruhig,« sagte sie, »ich halte mich fest, und das Pferd, das eine Mähne trägt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute sind für's Pferd geboren.«
»Deine Landsleute?«
»Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater setzte mich stets vorn auf seines Thieres Hals, und auch die Mutter saß zu Pferde. Ich entsinne mich dessen noch gar wohl. Wie ich von meinem Volke kam, ist mir viel dunkler geblieben. Ich schlief, Herr. Neben der Mutter schlief ich auf der Matte, und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde, die um uns her im Kreise standen, und die Feuer ließ man ausgehen, weil die Sterne so herrlich am Himmel glitzerten. Das weiß ich noch gar gut; denn nimmer habe ich seither einen so großen, weitgespannten Himmel gesehen, wie dazumal. Wir schliefen also, und mit einem Male donnerte es, daß ich hell aufwachte. Ich sah recht Vieles um mich her: Feuer und Dampf; Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde, und ich hing an einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte fort, und plötzlich ... wachte ich wieder auf, und sah nicht mehr das Pferd, und nicht mehr die Mutter, sondern ich lag in einem kleinen grünen Walde, wie in einem Korbe, und die feinen Spitzen des Waldes gingen hoch über mir, wie ein lichtes Dach, zusammen. Die Sonne schien sanft und gelb hindurch, und ein leichter Wind bewegte das Dach, daß es sich abwechselnd aufschloß, um mir in aller Höhe den blauen Himmel zu zeigen, bald sich wieder zuthat, mich in die grüne Einsamkeit zu versenken. Ich schrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte mir. Da raschelte es seitwärts neben mir, und durch die Halmen des Waldes streckte sich ein neugieriger beweglicher Kopf von einem wunderschönen Thiere, gefleckt, gestreift, in allen Farben glänzend, und ich wußte damals nicht, daß eine böse Schlange mich ansah, und streckte ihr spielend die Hände entgegen. Der Kopf zitterte, als ob er zaudernd witterte, immer näher, erreichte mich fast, und fuhr dann plötzlich zurück, mit einem pfeifenden Schrei. Ein großer Schlangenleib warf durch diese Bewegung eine seiner Windungen auf meinen Leib, riß sich indessen schnell und kräftig ins Grüne und verschwand wie ein Pfeil. Dafür kamen andere Gäste lärmend und brüllend einhergejagt, wie ein Sturm, und mit einem Male sah ich über die Spitzen des Waldes ein breites gehörntes Haupt herniederschauen. Ich glaubte die Heerde des Vaters in der Nähe, und schrie so laut, als der Stier brüllte, und — nicht lange, — so stand ein dichter Kreis von solchen Thieren um mich herum, und glotzte mich hülfloses Kind an, das sich an einer Staude emporrichtete, und furchtsam die unbeweglichen Thiere betrachtete. Da fand mich der Ochsenhirte von Rosario, hob mich auf, und brachte mich dem guten Pater Luis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern genommen, damit ich sein eigen Kind werden sollte. Die arme Mutter muß mich, vielleicht im Schlafe, vom Schooße verloren haben, denn der grüne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten Savanna, und ich wäre dahin gewesen, ohne Gottes Schutz!«
»Armes Mädchen! Mutterlose, arme Waise!«
»Ich bin nicht arm und nicht unglücklich, Herr! Ich habe ja in Don Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche steht das Bild meiner himmlischen Mutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm, ich rede mit ihm, und sie redet auch mit mir in meinen Träumen, oder wenn ich das Gesicht auf den Boden lege, und mir die Gedanken ausgehen lasse. Und die heilige Mutter ist so gnädig, so liebevoll! Sie hat die arme dumme Ines verständig gemacht, ihr Heil zu begreifen; sie hat mich gekleidet, sie gibt mir Speise! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber meine Mutter im Walde mag's sein, denn sie hat ihre Tochter nicht mehr, und auch keine im Himmel, mit der sie reden kann!«
James schwieg ergriffen, und die fromme Ines ging weg. Ihre Reden klangen in des Jünglings Ohren nach. Unwillkürlich verglich er die Indianerin mit Justine. Beide schön, beide entschlossen und thatkräftig; beide die Unschuld selbst, und dennoch so ganz verschieden! — Der feine Thee schmeckte ihm nicht. Das Gespräch der Jesuiten, das in lateinischer Sprache vor sich ging, behagte ihm nicht. Frühzeitig suchte er seine Matte, frühzeitig verließ er sie wieder. Die zahlreichen Heerden brüllten an der Gasse vorüber. Leute mit Ackergeräthschaften drängten sich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie wurde aufgethan; Lichter brannten, Weihrauch dampfte; der silberhaarige Luis begann die Messe. Anstand und Würde von seiner, Andacht von der Zuhörer Seite vereinigten sich, den gewünschten Zweck hervorzubringen. Die Indianer gingen still befriedigt an die Arbeiten des Feldes, um unverdrossen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott selbst durch die Hand ihres Vaters ihnen Nahrung spenden würde. —
James wünschte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glück zu der Ruhe und fleißigen Eintracht in seiner Colonie. Luis lächelte und sagte: »Das findest du in allen unsern Doctrinen, mein Sohn. Friede ist erste Bedingung des Glücks, und Friede halten wir.«
»Diese Leute besitzen jedoch nichts,« wendete der junge Mann ein: »Sie sind in jedem Stücke abhängig.«
»Zu ihrem Besten, Freund,« sagte Luis lebhaft: »eigenes Besitzthum war die Quelle der Habsucht, des Neides, des Diebstahls, des Mordes. Wir kennen diese Dinge kaum von Namen; niemals hat seit meiner Amtführung einer von hier angesiedelten Quaraniern etwas entwendet; niemals endigte sich ein Streit mit Blut. Diese wilden Stämme, durch Ueberredung und Scharfsinn dem Walde, den Bergen und der Flußräuberei entfremdet, müssen wie unmündige Kinder gehalten werden. Freilich wird einst die Zeit kommen, die auch hier die Mündigkeit befiehlt; ich erlebe sie aber nicht mehr.«