»Ihre Gesundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.«

»Die Zeit, mein Sohn, ist der Tropfen, der den Stein höhlt. Gott sei Lob indessen für die Kraft und den Frohsinn, die mich in meine Silberzeit begleitet haben. Weißt du jedoch, woher das kömmt? ich bin im Gemüthe ruhig gewesen mein Lebelang. Ich habe nie hoch hinaus gewollt, nie von Ehrgeiz und Würden geträumt. Ich wundere mich selbst, daß ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, höchstens zum Vikar tauglich zu sein. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verstand dazu gegeben. So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage. Mich kümmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin seit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben gelernt, mich nicht nur Vater zu nennen. In dieser rohen aber guten Kinder Mitte will ich sterben, arm und geliebt: das ist Alles, was ich wünsche. Daher bin ich auch gesund und frisch; frischer als Euer Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jünger ist, denn ich. Er trägt Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat sein Haus noch nicht bestellt ... ich habe seit vierzig Jahren meine Lampe angezündet. Er ist ein armer Mann, weil er zu Viel weiß, weil er zu Viel zu thun gezwungen,.... weil.... doch ich vergesse, daß ich zu seinem besten Freunde rede, der Alles dieses besser wissen muß, als ein beschränkter Landgeistlicher aus dem Missionlande. Beiläufig nur so viel: deine Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trägt viel zu Pater Xaver's Betrübniß bei.«

»Mein Vater ...!«

»Stelle dich nicht verwundert,« unterbrach ihn der Pfarrer gutmüthig aber eindringlich: »höre mich an: du hast dich verpfändet; du mußt dich lösen; das ist Eins. Du mußt denjenigen lösen, der aus Menschenfreundlichkeit dein Bürge geworden ist; das ist das Zweite. Du mußt endlich der Welt und dem Herrn dienen; das ist das Dritte, Nothwendigste. Wären wir in Europa, mitten im Gewebe der großen Spinne, um Mückenjäger in ihrem Solde zu werden, — so würde ich die Achseln zucken, meinen Weg gehen, und mich nicht nach dem umsehen, was du beginnst. Aber — hier — in dieser jungen, frischen Welt, wo die äußersten Enden des Gewebes eingreifen, wo sie leichter, feiner sind, hier ist's etwas Anderes. Hier, auf dem Lande, hier können wir nützen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes Herz glücklich sein. Laßt den Herren zu Assumcion und Cordova ihre Ränke und Regierungssorgen! Wendet Eure Bemühungen auf diese armen Indianer, und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein guter Jüngling! wenn ich dich hier umherführe, und dir die reinlichen Haushaltungen zeige, in denen man christlich lebt und fleißig ist; die zufriedenen Familien, die weder das nomadische Leben, noch das betäubende Chicagetränk mehr verwüstet; die Väter, die, statt auf dem Pfühl der Trägheit zu ruhen, und dem Weibe Alles aufzubürden, jetzt die Versorger der Ihrigen sein würden, wenn die Gesellschaft nicht für Alle sorgte; die Mütter, die nicht mehr ihre unschuldigen Kinder würgen, um wieder der Leidenschaft zu huldigen, oder sich eine Plage mehr vom Halse zu schaffen; die Kinder selbst endlich, die in Gottesfurcht und Elternliebe emporwachsen, ein sanftes, friedliches, lernbegieriges Geschlecht; — du wirst unser Loos glücklich preisen, und dich schnell demselben Berufe weihen, und schnell das Kleid anlegen, in welchem meine Quaranier mich als ihren Vater verehren; in dem ich mich dann und wann, von der Herrlichkeit meiner Bestimmung übermannt, für einen Strahl der Gottheit halten möchte, wenn es die einem armen Pfarrer anständige Demuth nur zuließe. Sieh um dich! diese Kirche habe ich errichtet, alle diese Hütten habe ich erbaut. Es ist keiner unter vierzig Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft, — es liegt keiner in unserer Kirchhoferde, den ich nicht begraben hätte. Wie die Palmen, wie die Tamarinden meines Hofes habe ich sie Alle, die da leben, jung gesehen! Alles ist hier mit mir alt geworden, und für das Generalat in Rom tauschte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchisedechs Würde trage, und nicht umsonst trage, weil mir das Bewußtsein sagt: dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!«

James sah noch horchend und lächelnd in des Greises hell leuchtende Augen, als vom Eingange der Mission sich viel Geräusch hören ließ, und der Alcade mit langen Schritten herbeikam. — »Mein Vater!« sagte er zum Pfarrer: »Der Feldhüter bemerkt auf dem Strome schwere Kähne aufwärts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geschehen soll. Die Leute könnten räuberische Payaqua's oder spanische Abenteurer sein. Soll ich die Glocken läuten, Waffen austheilen? der Regidor ist auf den Aeckern, und ich habe nach ihm geschickt.«

»Das sind unsere Freunde!« rief James, und eilte ohne Aufenthalt dem Strome zu. Die müßigen haushütenden Frauen und Greise und Kinder, die längs dem Ufer hin wohnten, oder Wäsche hielten, oder in der Sonne lagen, versammelten sich am Landungsplatze. Starke Reihen von zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tüchtigen Fellriemen und Leinenstricken gegen die Fluthen, und vierzig Ruder peitschten im schnellsten Takt, den Lauf zu verdoppeln den herrlichen Strom. Mehrere riesenhafte Payaquas, bis zum Gürtel im Wasser stehend, mit brennend roth gefärbten Haaren und breiten Schultern, leiteten die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten langen Kähne sorglich an Felsstücken und Sandhügeln vorbei, dem Landungsplatze zu. Der Anblick dieser wilden Leute beunruhigte die am Ufer stehenden Quaranier, doch ein Blick nach den Kähnen selbst beschwichtigte ihre Furcht. Zwei angenehme weiße Frauengesichter sahen zwischen krausen Negerköpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen flatterten schwarze Mäntel der Gesellschaft Jesu; hier willkommene Boten der Friedlichkeit. — Längs dem Strande zur Mission kehrende guaranische Jägersleute, die den Tapir in den Sumpfwäldern verfolgt hatten, feuerten mit gellendem Geschrei, die Väter des Ordens zu empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten mit den Pistolen und Vogelflinten, die sie an Bord hatten. Die Glocke in der Mission läutete. Von Feldern und Wiesen strömten alle Bewohner zusammen. Pater Luis, sammt Regidor und Alcalde und den ältesten Indianern, erwartete am Ufervorsprung die Ausschiffung der Fremden. Auf den starken Schultern der Payaquas schwebten die Damen über die Fluthen; nach ihnen wurden die geistlichen Herren herübergeschafft. Mit ruhiger Demuth empfing der Pfarrer die Vorgesetzten; mit fröhlichem Jubel James seine Begleiterinnen. Justine sah sich mit glänzenden Augen rund um, und rief: »Ein herrlicher Ort, Monsieur White! wo aber ist mein Vater? ist er so krank, daß ihn die Nachricht von der Ankunft seines Kindes nicht an den Strand zu führen vermag? zu ihm! zu ihm, mein Herr! ich kann nicht eine Viertelstunde länger leben, ohne ihn zu sehen!«

James führte sie, und versuchte, sie auf die Nachricht von der Abwesenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hörte indessen nicht auf seine Worte. Vergnügt, und mit strahlendem, Alles umfassendem Blick wendete sie sich im Gehen nach allen Seiten. Das mannigfache Grün der Cedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem die gelben Dächer der Colonie lagen, ... bildete eine erquickende Aussicht. Der zarte Rasen des Ufers war ein sanfter Teppich, die Blüthen und Früchte an Hecken und Gelanden schmückten den Weg, und neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte eine Europäerin gesehen, der lieblichen Gestalt. Justine war größer und voller geworden, ausgeprägter ihr Gesicht, schöner und feuriger ihr Auge, entschlossener ihre Haltung, ausdrucksvoller ihre Geberde; frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lainez. Neugierig aber freundlich betrachtete sie das mitziehende Volk, grüßte, lachte mit den Kindern, sprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverstehenden unverständliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht, endlich stand Justine unter der Thüre desselben. Ihr Herz schlug ängstlich; ihr Mund öffnete sich, den Vater zu rufen. Pater Münzner erschien. Justinens Züge verdunkelten sich! — »Sein Sie willkommen, geehrteste Tochter meines Freundes!« sagte Münzner, der diesen Eindruck wohl bemerkte, »ich wünschte Ihnen im ersten Augenblicke angenehmer zu sein.«

»Das ist nicht möglich, und auch nicht nöthig,« entgegnete Justine ernsthaft und entschieden: »Ihr Anblick, mein Herr! erinnert mich an zu Viel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier eine Freundin übergebe, die manches um Ihretwillen gelitten hat, und die ich den Verfolgern entriß, obgleich sie, wie Andere auch, ein falsches Spiel mit mir getrieben. Vergelten Sie mir den Dienst mit der einfachen Anweisung, wo ich meinen Vater zu suchen und zu finden habe.«

Münzner schwieg bedeutungsvoll, und James, die ängstlich werdende Tochter zu beruhigen, wollte statt des Pflegevaters das Wort nehmen. Der geräuschvolle Eintritt des Pfarrers mit seinen geistlichen Obern, des Volks, das neugierig ihnen nachdrängte, unterbrach ihn. Zwei Indianer von den Schützen, die so eben wieder heimgekommen waren, machten sich heftig Platz durch die Menge und näherten sich eilfertig dem Pfarrer. »Da! guter Vater Luis!« sagten sie mit getrübter Geberde: »da ist Alles, was wir von deinem Gastfreunde gefunden haben! In dem Lager eines wilden Jagurate[3], den wir erlegten, fanden wir die traurige Beute.« —

Pater Luis starrte die Boten staunend an. Münzner erbleichte heftig, wie auch James. Justine stieß einen gellenden Schrei aus, denn — war ihr gleich die Sprache der Jäger fremd und unbekannt, — sie kannte das Kleid ihres Vaters, das sie blutig und zerfetzt, zu den Füßen des Pfarrers niederlegten. — Mit rollenden Augen schlug das Mädchen die Hände zusammen, und rief mit dem Tone der entsetzlichsten Furcht: »Was ist hier geschehen? was mit meinem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid mit mir hat, verhehle mir nichts. Wer Gefühl in der Brust trägt, verheimliche einer bangenden Tochter nicht das Aergste!«