Todtenstille im Kreise. Endlich faßte sich der Pfarrer, und sagte zu ihr in gebrochenem Deutsch: »Es ist besser, meine Tochter, daß der starke Christ die Zweifelschlange zertrete, denn die Wahrheit ist dem Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater ist seit länger denn einer Woche abwesend. Er entfernte sich ohne unser Vorwissen, um in den unfernen Wäldern den Balsam zu suchen, der seine kranke Brust heilen sollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht seitdem, bis auf diesen schrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, daß der Unglückliche eines wilden Thieres Beute geworden ist. Fassen Sie sich. Gottes Rath ist unerforschlich, aber weise.«

Justine sank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Augen selbst heiße Thränen entfielen. Eine erschütternde Scene folgte. Luis unterhielt seine Ordensbrüder von der traurigen Geschichte; James stand seinem Pflegevater bei, der in trüber Wehmuth verging, und auf das Ergreifendste immer wiederholte: »Meine Schuld! meine Schuld! meine größeste Schuld!« Justinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an ihrem sehnenden, zerrissenen Herzen. Sie stieß die Lainez von sich, den tröstenden James, den Doctor, der seine Leiden mit den ihrigen vereinigen wollte. — »Weg!« rief sie außer sich: »Ihr Alle weicht von mir! denn Ihr habt unser Aller Elend verschuldet! Ihr habt meines Vaters Glück, seine Ehre, sein Leben gemordet! Was soll mir Eure Theilnahme! — Weg auch du!« fuhr sie zürnend und weinend fort, indem sie den ehrwürdigen Luis, der sich ihr näherte, zurückwies: »Du trägst das Kleid dieser Mörder, dieser Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg! Deine weißen Haare lügen, wie deine fromme Stirne! Gebt mir meinen Vater zurück! Ich habe tausend Meilen gemacht, um Verbannung und Unglück mit ihm zu theilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheuers wieder! Und dieses Ungeheuer ist gnädiger als Ihr, denn es hat ihn schnell hinweggerafft, während Ihr ihn langsam hingerichtet habt! Kann ich denn meinen Erinnerungen so wenig entfliehen, als dieser qualvollen Gegenwart?« —

Sie drängte mit erneuter Kraft die Lainez von sich; ihr Auge fiel auf Ines, die ängstlich, aber freundlich zu der Fremden flehend, vor ihr auf den Knieen lag, ihre Hände drückte, ihr tausend schöne Worte sagte, und die kühlende beruhigende Frucht der Quembe bot; dem Gaumen der Erhitzten ein willkommenes Labsal. Die kindlichen reinen Züge der Indianerin stimmten Justinens Bewegung in sanftere Wehmuth um; die Leidende gestattete es, daß einige Tropfen des kühlenden Saftes ihre Lippen benetzten, sie litt die Liebkosungen der Indianerin; sie drückte dieselbe an ihre Brust. »Ja!« rief sie schmerzlich: »Du, fremdes Geschöpf, du bist hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines Welttheils Farbe und Sitten haben, sind meine geschworensten Feinde! Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, sie werden mich nicht verschonen! Sie haben ihn getödtet, sie werden auch mich vergiften. Nur von deinen Händen will ich meine Speise nehmen! Nur du, mein Kind, meine Schwester, nur du sollst bei mir sein, bis mich mein Gott wieder aus diesem Mörderlande führt!«

»Beruhigen Sie sich!« sagte der Rector von Assumcion, ein Franzose von Geburt, schmeichelnd und süß wie Honig: »die arme Wilde hier versteht nicht, was Sie ihr sagen. Ihr Widerwille gegen unsern Trost ist dagegen unbegreiflich. Verwünschen Sie nicht uns, nicht dieses Land, das Canaan für Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genommen, allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder entziehen. Ihr Vater ist in seinem Schooße, denn er ist in seiner wahren Kirche Grundsätzen gestorben. Sie haben noch den Schritt in diese Kirche zu thun, und je schneller Sie ihn machen, je schneller wird der göttliche Trost bei Ihnen einkehren.«

»Monsieur!« rief Justine empört, und maß ihn mit zornigen Blicken. Der Rector ließ sich von dem Tone der Höflichkeit dadurch nicht abbringen. »Wie gut wäre es gewesen,« sagte er, »wenn Ihr würdiger Vater im Stande gewesen wäre, selbst, in eigener Person, seine Tochter dem Gotte darzubringen, dessen Gnade die letzten Jahre seines Lebens verherrlicht hat. Aber — in seiner Ermangelung — liegt mir, dem Vollstrecker des Testaments, das er vor seiner Abreise von Assumcion in meine Hände legte, ob, seine Pflichten gegen Sie und die Kirche zu erfüllen. Ein günstiges Zusammentreffen wird Sie schneller an's Ziel bringen. Pater Jose Aculcho, einer der würdigen Consultadoren des hochwürdigen Provincials zu Cordova, der hier steht, wird Sie unter seinem Schutze nach Cordova bringen, sobald unsere Umreise durch die ihm zugetheilten Doctrinen beendigt wurde. Im Kloster der Carmeliterinnen werden Sie Unterricht, theilnehmende Herzen und eine ewige sorgenlose Existenz finden, übereinstimmend mit den Bedürfnissen Ihrer Lage, und dem letzten Willen Ihres seligen Vaters!«

»Mein Gott!« rief Justine, die nun erst begriff, wo Alles hinaus wollte; »was sagen Sie? Sie getrauten sich, mich, ein freies Mädchen, das Ihnen nicht in Lehre, nicht in Pflichten unterworfen ist, mit Zwang zu einem Dasein zu führen, das ich verabscheue?«

»Ihr Vermögen, Ihres Vaters Erbe, liegt in unsern Händen, unbeschadet der Ansprüche, die wir noch dereinst auf Ihr europäisches Gut zu machen haben dürften,« lautete die trockene Antwort des Rectors.

Justine blickte fragend und durchbohrend den Doctor Münzner an. Dieser nickte mit dem Haupte und sagte niedergeschlagen: »So ist's, beste Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Gesellschaft schriftlich sein Vermögen, Sie der katholischen Kirche und einem beschauenden Klosterleben!«

»O der Tücke, die ihn dazu gebracht!« versetzte Justine äußerst heftig; »Geldhunger war die Triebfeder Eurer Handlungen? So nehmt es denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch seine vergängliche Habe! Lassen Sie mich nur wieder von dannen ziehen um diesen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein Brod vor den Thüren betteln! Nur hinaus aus diesem Lande, worinnen mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurückhält! Hier sind noch einige Diamanten! Sie sollen von Werth sein! Nehmen Sie diese letzten Ueberreste einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brüder vernichteten. Lassen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater! nicht mein Glauben! Ich sterbe unter diesen Menschen!«

»Arme!« sprach Münzner trübe vor sich hin; »aus des Löwen Höhle führen keine Fußtapfen.«