»Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr schon an diesem Geschäft,« sagte der Rector geringschätzend: »ich möchte Euch rathen, das Brod der Gesellschaft nicht als eine unnütze Arbeiterin zu verzehren. Im Gegentheile, wenn's Euch gelingt, die Widerspenstige, ehe der Pater Consultador wieder kommt, zu bekehren, sollt Ihr nach Verdienst belohnt werden. Die gottesfürchtige Frau von Guébriant, die sich vor den Gräueln der Regentschaft nach St. Fé flüchtete, bedarf einer Kammerfrau und Vorleserin, und dieser einträgliche Posten soll Euch durch mein Fürwort nicht entgehen.«
Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rümpfte, ebenfalls geringschätzend, die Nase, und antwortete: »ich danke Ihnen für den guten Willen, meine Väter; bin aber zu schwach, ihn zu verdienen. An dem Mädchen ist nicht das Mindeste zu ändern. Sie ist von einem Eigensinn, der Ihnen zu schaffen machen wird, und, da es nun einmal so ist, möchte ich rathen, sie lieber zu lassen, wie sie bisher war. Mein Streben ist, was sie betrifft, geendigt, und ich will die Freundschaft, die sie mir erzeigt, mit der sie mich gefesselt hat, nicht mit Leiden vergelten. Madame Guébriant wird eine andere Kammerfrau finden, und mich in Frieden nach Frankreich zurückkehren lassen, wo die Hitze nicht so unausstehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit anständiger ist.« —
»Das müßtet Ihr allerdings,« versetzte der Rector hochmüthig. »Wir gedenken nicht, unnütze Leute von zweifelhaftem Charakter in den Colonien zu füttern. Ihr werdet mit dem Deutschen Xaver abreisen, ein würdiges Paar träger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Für eine gute Note wollen wir Sorge tragen!«
Die Lainez ging mit diesem Bescheid. »Hätte ich Vermögen,« sagte sie mit Bitterkeit zu dem Pater Münzner, dem sie Alles erzählte, »so würden mich die gescheuten Finanziers schon freundlich gebeten haben, da zu bleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unerträglichen Frau v. Guébriant? Um solchen Preis sollte ich meine schönsten Jahre einem Bemühen hingegeben haben, das täglich meinen Charakter und meine Existenz gefährdete? Aber nur Geduld, mein würdiger Vater! Man mißhandelt auch Sie. Lassen Sie unsere Kräfte vereint wirken. Mein Provincial wird unsere Berichte getreulich nach Rom befördern. Die Menschen hier am Ende der Welt sollen erfahren, was es heißt, einer Frau von Stande unwürdig zu begegnen.«
»Madame Lainez,« antwortete der Doctor ruhig: »Laßt uns nicht Steine auf Andere werfen. Wir haben genug mit uns selbst zu thun. Wenn doch Ihr Geist ebenfalls die Erschütterung empfände, die der Meinige seit meiner Anwesenheit in diesem Lande empfindet! ich gehe nach Europa zurück, um elend zu werden, — aber ich habe es nur zu sehr verdient.« —
Die Lainez entfernte sich achselzuckend, weil der Pfarrer eintrat.
»Nach Europa zurück?« sagte dieser vertraulich, nachdem er an Thüre und Fenstern gehorcht hatte; »das wird Ihr Ernst nicht sein, Pater Xaver. Sie rennen in Ihr Unglück. Unsere Brüder in der alten Welt sind Leute, wie die in der neuen: arglistig, neugierig, unversöhnlich. Sie haben — vielleicht unverschuldet — das Ansehen der Gesellschaft Preis gegeben, weil unter Ihrer Amtsführung jene Gemeinde, der Sie vorstanden, verrathen wurde; das vergiebt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre Abwesenheit benützt, sich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun gegen Sie allein, später, aber schrecklicher, los. Opfern Sie sich nicht ohne Noth einem wilden Parteihasse, der vielleicht Ihr rüstiges Leben zwischen vier Mauern begräbt.«
»Eine Strafe meiner Sünden,« erwiderte Münzner schwermüthig: »dann — meine Pflicht. Gehorsam hieß mein Gelübde. Die Obern rufen, ich folge.« Luis schob sein Käppchen ungeduldig hin und her. — »Die Gesellschaft,« sagte er schnell, — »ist im Begriff, von einigen Gliedern derselben durch eine Ungerechtigkeit geschändet zu werden. Ich erfülle meine Pflicht gegen ihr Wohl auf bessere Art, wenn ich dieser Schande vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will, und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegesohn, Ihres Freundes ärmere Tochter, sollen dem schmutzigen Eigennutze des Quinquevirats zu Cordova nicht geopfert werden. Sie nicht den Mißgriffen Ihres Superiors. Lassen Sie die Väter abreisen. Meine Worte haben bei dem Regidor und dem Alcade, die ich erzogen, die ich aus der Gemeinde gewählt habe, Gewicht und Einfluß. Ein Wink von mir, und sie lassen die widerrechtlich Verhafteten frei. Ich befördere dann ihre Flucht.«
»Sie, edler Mann, wollten sich der Rache der Oberen blosstellen?«
»In meiner entlegenen Doctrine, an den Gränzen des Gebiets barbarischer Völkerschaften, achte ich ihrer Drohungen für meine Person nicht. Sie sollen mich nicht wegführen aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den Tag der Auferstehung erwarten will.«