»Gesetzt, Sie retten meinen Zögling und das arme Mädchen, dessen Schicksal auf meiner Seele brennt ... was soll aus ihnen werden? werden sie nicht, mitten in einem unermeßlichen Lande, aller Hülfsmittel beraubt, dennoch wieder in die Hände der Feinde fallen, oder elend zu Grunde gehen?«
»Hören Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus sehen, verketten sich mit den Alpgebirgen Brasiliens. Diese Höhen, dem Namen nach dem Scepter Portugals unterworfen, sind ihrem Beherrscher beinahe völlig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtposten, die man so weit herausrückte, sind kaum vemögend, gegen die Schaaren unabhängiger Eingeborner ihre Existenz zu behaupten. Thäler und Berge von erstaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugiesen gesehen. In einem dieser Thäler, umringt von Urwaldungen und von gähen Abstürzen, versteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumsegler wieder aufgefunden, lebt, jung und kräftig, ein kleiner Staat, der unsern Flüchtlingen und Ihnen vor der Hand völlige Sicherheit gewähren würde. Unsre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal, halten, trotz ihrem Scharfsinn und ihren Nachforschungen, das Dasein dieses kleinen Staates für eine Fabel, für eine müßige Volkssage. Dennoch existirt diese Pflanzschule eines reinen Christenthums, und die Republik: »der gute Jesus in den Wildnissen« ist kein Mährchen einer träumerischen Amme. Ein Vetter meines Hauses, der in dem Regimente Arragon Capitän gewesen, der in der Folge, über Zurücksetzungen verdrießlich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus genommen, mußte, um eines schweren Handels willen, den er mit unsrer Gesellschaft hatte, flüchtig werden, und zog sich in jene Wildnisse zurück, wo er eine aufblühende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo als Vater, als Priester, als Feldherr und König steht. Es ist beinahe ein Jahrzehend verflossen, seit ich die letzte Kunde von ihm empfing, aber der riesenhafte Körperbau des Mannes verbürgt mir die Dauer seines Lebens. Ich sende Euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einst wie seinen Vater geliebt, und wird mir ein freundliches Andenken bewahrt haben. Dem Genügsamen wird eine Wildniß bequem, und die Gelegenheit nicht fehlen, Euch in den Norden unseres Continents zu schaffen, wo Englands Scepter schützt, und Penn's Colonie jeden Glaubens-Bruder willig aufnimmt. Oder in Portugals Cabinet reifen günstigere Ansichten für die Freiheit der Confessionen, zugleich mit gehässigern gegen unsere Gesellschaft, deren wachsende Macht bald den Neid der bis jetzo glücklich geblendeten Regenten beunruhigen dürfte. Auf jeden Fall: weit von Jupiter sein, schützt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein Freund. Der Indianer, der vor zehn Jahren, nach dem guten Jesus in den Wildnissen verschlagen, mir davon Meldung zurückgebracht, lebt noch, und sein Gedächtniß wie seine Sinne sind rüstig und frisch. Geprüfte Leute in nicht geringer Anzahl sollen Euch geleiten, und Euch zum Frieden führen, den man in dieser sturmbewegten Welt und Zeit nur in der Einsamkeit der Troglodyten finden mag.«
»Mann! ich staune vor den kühnen Schöpfungen Ihres jugendlichen Geistes! was Sie sagen, gleicht einem poetischen Traume!«
»Sind denn diese Landschaften nicht Gebilde der kräftigsten Poesie? noch sträubt sich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unsers Verstandes; noch ist dieser Boden frisch. Europa ist ein ausgebrannter Vulkan; hier sprudelt noch Urkraft, und auf dem ungewöhnlichen Schauplatze kann noch Ungewöhnliches gedacht und gethan werden. Gedenken Sie meines Vorschlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austheilen, die sie heute verdient haben, und die Kähne unsrer Herren mit Vorräthen versorgen, daß sie morgen ungehindert nach der nächsten Doctrine abreisen können.«
Münzner überlegte lange und schwer. Er seufzte ängstlich auf: »warum kam mir die Erkenntniß nicht früher? warum erst jetzt plötzlich nach dem Verschwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von Leiden? und dennoch, wie so heiter gegen die Vergangenheit! fünfzig Jahre, die ich in stolz ruhigem Scheinbewußtsein verlebte, weisen mir nur ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blüthe in irgend einer Furche, worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat! O, so vollende sie sich denn an mir, dem Schöpfer so vielen Unglücks! O, so geißle mich die Pflicht, in deren Dienste ich Herrliches zu vollbringen glaubte, indem ich nur Böses schuf. Losgerissen von der Welt, will ich mich hier zur Sühne geben, damit jenseits mein Loos milder werde! die Gesetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen, so mögen sie auch meine Tage hinnehmen. James, der junge in's Leben tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die Wüste Gewinn; vielleicht segnet in der Wüste der Himmel seine Liebe! ich will keinen Theil an seinem Schicksal haben, damit ihm nicht einst geschehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorsam ruft: zur ungerechten — ach! zur gerechtesten Buße!«
Ines trat zu dem Bekümmerten, zu dem Entschlossenen. Sie brachte Erfrischungen, und sah traurig aus.
Münzner fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit.
»Euer Sohn dauert mich,« sagte das Mädchen unbefangen, »und mit der jungen Sennora habe ich viel Mitleid. Warum sperrt man sie ein? Euer Sohn brütet stille vor sich hin. Die Sennora weint, zürnt, und denkt mit finstern Augen nach. Mit Euerm Sohne könnte ich reden, aber das geht nicht wohl an. Die Sennora verstehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu ihren Füßen sitze und sie wehmütig anschaue, so ist's als ob sie wüßte, was in mir vorgeht, denn sie umarmt mich dann und herzt mich, als ob sie meine Schwester wäre. Sie ist so gut, und muß, wenn sie auch eine Ketzerin ist, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Xaver? Pater Luis hat mir versprochen, daß ich auch meine Mutter im Himmel finden sollte, ob sie gleich nicht getauft sei. Die Sennora wird ja auch darinnen nicht fehlen.«
Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Antwort. Münzner sah düster mit übergeschlagenen Armen vor sich hin. Ines blickte verlegen nach dem Fenster.