»Soll ich das Gitter schließen, Vater Xaver?« fragte sie schüchtern; »der Abend kommt, die Fliegen finden sich ein, und — seht doch, wie es plötzlich dunkelt ... wie es Nacht wird ...!«
Sie lief zum Fenster, sah zum Himmel, und schlug mit einem Schrei die Flügel zu. »Ach! bei unsrer lieben Frau vom Rosenkranze,« rief sie erschrocken; »seht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von Aorkani[4] durch die Luft zieht und sie verfinstert! der Zug macht ein schwarzes Dach über die ganze Mission! Ach, wie das schauerlich durch die Wolken fliegt! das bedeutet ein Unglück, ein schweres Unglück, mein Vater!«
»Aberglaube!« sagte Münzner verdrüßlich.
»Mit Eurer Erlaubniß,« versetzte Ines; »es hat seine Richtigkeit, was ich sage, nur glauben es unsere Leute hier nicht, weil sie vom quaranischen Volke sind, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der Heuschrecken, wir fürchten sie aber, und immer ist etwas Schweres geschehen, wo diese Unholde vorüberzogen. Wenn nur uns die heilige Jungfrau gnädig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen frischen Strauß im Namen der Gemeinde. Die fremden, schwarzen Herren mögen sehen, wie sie fertig werden.«
»Ei!« sagte Münzner verweisend; »Ines, ist das Christenliebe?«
Ines schämte sich. Sie entgegnete schüchtern: »Ihr habt Recht, Vater Xaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es schon in der Beichte hören. Aber mir kömmt immer vor, die beiden Herren von Cordova seien nur in Euer ehrwürdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und Ihr, — Ihr seid ganz anders, und ich möchte lieber Zeit Lebens bei Euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von Assumcion, der mich immer so seltsam ansieht, wie der ehemalige Vikar, oder besser: wie die Schlange in der Savanne.«
Die Glocke der Kirche läutete. Ines mußte zur Theevertheilung. Dieses Geschäft wurde, wie alltäglich, abgethan. Während Consultador und Rector mit Pater Luis und Xaver das frugale Abendmahl einnahmen, trug Ines auch den armen Gefangenen ihre Speisevorräthe zu. James und Justine bewohnten zwei getrennte Räume im Lagerhause. Des Alkade Sohn, der Wächter des jungen Engländers, brachte die Speisen in seines Gefangenen Gemach. Justinens Wächter ließ die freundliche Ines gern zu der trauernden Sennora. Justine saß an dem Gitter der Fensterluke, und sah dem Glanzspiele einiger Leuchtkäfer zu, die auf den schlanken Stauden hingen. Sie erschrak ein wenig, als Ines Finger ihre Schulter berührten; aber der Ausdruck der Freude folgte dem Schrecken. Hastig zog sie das liebe Mädchen an sich, weigerte sich, von den Speisen und dem würzigen Tranke zu genießen, und gab der Indianerin durch Geberden zu erkennen, daß sie eine Bitte an dieselbe richten wolle. Sie zeigte alsdann auf die Matte in der Ecke, auf den großen leeren Raum um sich her, und versuchte der Ines begreiflich zu machen, daß sie sich allein zu bleiben nicht getraue, und es gerne sehen würde, wenn das dienstfertige Mädchen die Nacht bei ihr zubringen wolle. Ines verstand Justine alsobald, und zeigte sich eben so schnell bereit, ihrem Wunsche zu entsprechen. Der Wächter mit der Lampe wurde hinweggesendet, die Thüre wieder mit den hölzernen Riegeln von außen verschlossen; tiefe Ruhe und tiefes Dunkel kehrten in dem Gebäude ein. Auch von außen wurde Alles ganz still. Drei Zeichen mit der Glocke gaben den Befehl allenthalben die Lichter auszulöschen, und die Straße im Dorfe wurde nur noch in dem Augenblicke belebt, als der Pfarrer nebst mehreren, mit Harzfackeln versehenen indianischen Knechten seine Gäste von Cordova und Assumcion nach ihren Schiffen führte, wo sie die Nacht zuzubringen begehrten. Pater Luis kehrte mit seinen Begleitern nach Hause zurück, und schloß sein Hofthor. Die Herren auf den Schiffen streckten sich unter dem leichten Zeltverdeck derselben auf ihre Matten. Die Schiffer, ein jeder an seinem Ruderplatze, duckten sich nieder, hüllten die Köpfe in ihre Mäntel und schliefen ein. Unter Akazien am Ankerplatze schnarchten die müden Payquas. Ein Neger hielt auf dem Vordertheile eines Kahns, bei glimmender Laterne, Wache, mit seiner Vogelflinte spielend. Noch mehr beschäftigte ihn jedoch die Chicaflasche und er entschlief gleich den Uebrigen. Grabesruhe auf dem dumpfmurmelnden Flusse, an seinem Strande, in dem Missionsorte. Der umgehende Wächter in demselben hatte sich vor einem unbedeutenden Regenschauer in seine Hütte zurückgezogen. Auf der Gasse athmete keine Menschenseele.
Da kam von Süden her ein fernes, leises Getrappel. Es schwieg in kleiner Entfernung vom Dorfe. Einige Hunde knurrten, schwiegen jedoch ebenfalls plötzlich, und mehrere leicht gleitende Schatten kamen über Zaun, Graben und Gehäge in den Ort herein; mit Blitzesschnelle hin und wiederfahrend, schauend, horchend, verschwindend, wie sie gekommen waren. Geräusch von leise webenden Sägen, Knarren von aufgehenden Gatterthüren, und über den breiten Fahrweg, weit sich aber alsdann über den frischen Rasen zu beiden Seiten desselben verbreitend, zog still und geräuschlos eine Schaar von Reitern in das Dorf. Stumme schnaubende Hunde ihnen zur Seite, lange Speere in ihren Händen; versteckte Fackeln mitten im Zuge. Halt auf dem Platze, kurzes unverständliches Gemurmel unter den Nachtgästen, plötzlich hochblinkende Feuerbrände, entsetzliches Geheul und kriegerischer Ruf.
Dieser Schrei, die Losung des Entsetzens, dringt wie der Donner des Himmels in die friedlichen Hütten der Quaranier. Schlaftrunken springen die Männer an die Thüren und Fenster. Zum zweitenmale tönt der gräßliche Schrei, und, mit dem Tone zugleich, fliegen brennende Pfeile in die Stroh- und Binsendächer der Cabanen.
»Die Abiponer! 's ist ihr Kriegsruf!« antwortete der Weiber Wehlaut, und wüthend greifen die Männer nach der Axt. Die Glocke klingt gellend vom Thurme. Der nachlässige Wächter erinnerte sich zu spät seiner versäumten Pflicht. Indessen weht aber schon der Brand in der Luft, würgt schon der Feind am Boden. Ein wehmüthig Schauspiel! wilde Reiter, nackt auf den Pferden hängend, von abenteuerlichem Kopfputz gräßlicher gestaltet, bestrichen mit grellen, Blut und Tod kündenden Farben rasen hin und her durch die Gassen, schmettern mit ihrer fürchterlichen Schleuder alles zu Boden, was an ihnen vorüberrennt, werfen ihre langen Speere nach der keuchenden Menschenbrust, und Brände in die Gluth, damit die Flammen noch höher aufflackern, die betrübende Scene würdig zu beleuchten!