Eine Horde wilder Räuber hatte das Lagerhaus erstürmt, sich der Waffen und Mundvorräthe bemächtigt. Die Quaranier konnten ihnen nirgends die Spitze bieten, nirgends ihrer Raublust ein Ziel setzen; kaum dem Morde entgehen. Denn in engem Kreise hielt um den Missionsort eine furchtbare Linie von Reitern mit drohendem Speere, und nur die Verzweiflung selbst schlug sich durch. Mit den Bolas bewaffnet, die jeder Bauer an sein Pferd hängt, wenn er über Land reitet, warfen die Entschlossensten der Quaranier einen Trupp von Pferden darnieder, öffneten ihren Freunden und Verwandten einen Paß. Die dem Strande zunächst wohnenden Leute flüchteten sich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Die Herren derselben, von dem Mordgetöse aufgeschreckt, befahlen, die Seile zu kappen. In die Strandfluth des Flusses stürzte sich die hülfsbedürftige Menge; Kinder und Greise auf den Schultern der Eltern, der Söhne; sie jammerten nach Hülfe, nach Aufnahme, kaum die Köpfe aus den Fluthen hebend. Umsonst; die Väter auf den Kähnen, nur ihre eigene Rettung vor Augen, fürchteten der Schiffe Ueberfüllung, wiesen die Flüchtlinge mit harten Worten zurück, ließen die Fahrzeuge stromabwärts treiben. Aber Noth kennt kein Gebot; aber die Abiponer waren im Rücken der Flüchtlinge. Die riesenhaften Payaquas, die das Ruder in Händen, — obwohl blinde Heiden, gewissenhafter den Rückzug ihrer Herren vertheidigten, als diese das Wohl ihrer christlichen Mitbrüder sich zu Herzen nahmen, — fielen todt hin unter der Uebermacht. Schon netzen die Wellen der Parana die Füße der Abiponerpferde; schon stürzen sich diese wilden Krieger blutbegierig bis zum Kinn in den Strom ... Gewaltsam halten die Flüchtlinge von Dominica die Schiffe auf, schwingen sich gewaltsam hinein, und die Väter müssen geschehen lassen, daß wider ihren Willen das treue Holz der Algarova auch die schlechten Indianer dem Mordstahle entführt.

Welch ein Graus, wendet man den Blick von jenen Geretteten nach dem brennenden Pfarrhause. Vergebens stürmt die Glocke der Kirche. Sie vermag nicht dem lang gedehnten Brande in den hölzernen Gebäuden und Rohrwänden zu wehren. Sie vermag nicht, die treuen Diener zu erwecken, die für ihren Vater auf der Schwelle seines Hauses das Leben hingegeben haben. Sie haben sich umsonst geopfert. Der Raub drang dennoch hinein. In dem sonst lebendigen Hofe regt sich nur noch der von Flammenangst und Todeskampf gepeinigte Strauß, der von zwei Pfeilen durchbohrt, mit den ungelenken Flügeln flatternd, einen Ausweg sucht, und — blind vor Schreck — nicht findet. Ferne tönen die Silberglocken des Rehs; es sucht seinen Herrn; doch dieser fällt so eben, — mit dem Alcade dem Lagerhause zueilend — in die Hände des barbarischen Feindes, während auf den Stufen der Kirche Pater Xaver von einigen Abiponern gebunden wird, die in ihm den Padre des Orts zu fangen glauben. — Aus den Fensteröffnungen des Lagerhauses, das ebenfalls schon brennt, dringt nebst dichten Rauchwolken der Wehruf ängstlicher Weiber. Zwei Krieger, furchtbar anzuschauen in den ungeheuern Federkronen, die ihre Eitelkeit dem Straußvogel der Savannen sammt der Haut abstreifte, stürmen hinein, dem Rufen entgegen. Krachende Thüren stürzen von oben auf sie hernieder. Ein Mann mit zwei Weibern, außer sich, mit versengten Haaren, stößt auf die Wilden, die ihn mit Löwenkraft aufhalten, packen und sammt seinen Begleiterinnen in's Freie schleppen.

Hier lodern Fackeln und Brandglut. Hier halten die Caziken auf ihren dampfenden Gäulen, und unter ihren rothen goldverzierten Kopfbinden hervor rinnt der Schweiß der Ermattung auf die Brust der Starken. Der Anblick schöner Frauen reizt der rauhen Obern Lust. Ein Streit droht zwischen Rettern und Befehlshabern zu entspringen, da wirft sich das jüngste der Weibern zu Füßen des Obersten, und ruft ihm zu: »Siehst du denn nicht, daß ich deines Volkes bin? Gnade deshalb und Schutz für mich und dieses Weib, das meine Schwester geworden ist!«

Verwunderung spricht aus den Blicken der Zuhörer; jedoch überwältigt von dem süßen Klang der vaterländischen Zunge, klatschen sie lebhaft in die Hände, und rufen: »wahrlich! sie ist ein Kind unsers Großvaters, und sie mit ihrer Schwester soll heilig sein und frei!«

Justine und Ines wurden auf weiße Pferde gehoben, und folgten dem Zuge der Führer, die sich den Jammer besahen, den sie angerichtet.

James wurde in der Kirche mit einigen andern lebendig Gefangenen, unter welchen sich sein Pflegevater befand, zusammengebunden. Nicht die Schmerzen der Brandwunden, die er, im Begriff, Justine zu retten, davongetragen, nicht die Ungewißheit seiner traurigen Lage zerriß ihm Herz und Gehirn. Seines zweiten Vaters, Justinens Verhängniß war seine Plage, war sein Kummer. — Er weinte Thränen des Mitleids und ohnmächtiger Wuth auf die Hände, die gebundenen Hände seines ehemaligen Versorgers. Dieser stand vor ihm, — aufgerichteter als je — in seinen Leiden, wie ein verklärtes Menschenbild. »Wenn eine Folter meine Seele preßt, so ist es die Angst um dich, um Justine,« — sagte der Muthiggewordene. »Mein Schicksal beunruhige dich nicht. Glaube mir, in diesem Drange des Unglücks wird mein vom Zweifel und von der Sünde gespaltenes Herz wieder eins. Es klammert sich wieder an eine Hoffnung an: an die auf unsern Heiland. Nun ist der Augenblick gekommen, in welchem ein verlornes halbes Jahrhundert vielleicht durch die Märtyrkrone, die so vielen meiner Brüder zu Theil geworden, Bedeutung gewinnt. Diese Krone ist die schönste, denn sie ist eine versöhnende!«

James schwieg niedergeschlagen, theils von der Würde des Redners ergriffen, der in seinen Banden so frei war, theils von der Nichtigkeit aller Trostgründe überzeugt, in einer Stunde, deren nächste Minute allen Ueberwundenen den Tod bringen konnte; — gewisser, als der nächste Mond ihre Freiheit. Münzner blieb aber ruhig, und betete still für sich aus vollem Herzen.

Inzwischen war die Nacht aus geworden, und der Morgen trat aus der Dämmerung. Wie die Sterne erbleichten, so erbleichte auch der Brand von Santa Dominica. Die von dem Sonnenauge beschämten Flammen krochen gebändigter in das stürzende und verkohlte Sparrenwerk zurück, aber die schwarzen rauchenden Stätten zeugten von ihrer Wuth, und der Anblick der Leichen in den Gassen und Räumen der Mission von der bösen, bösen Nacht. Die Hüter der Gefangenen bedeuteten diese, sich auf den Weg zu machen. Auf dem Platze klang die Pfeife und die dumpfe kleine Trommel, zum Aufbruche mahnend. Die Gefangenen wurden mit Lianen auf Maulthiere gebunden, und deren Zügel von Reitern geleitet. Der Abzug der Abiponer Horde war siegreich und lärmend.