Jeder Krieger, beritten, und noch einige Pferde zum Wechseln neben sich führend, hatte sich mit Beute aller Art beladen. Die leichtesten Schwärme hüteten die Seiten des Zugs, in dessen Mitte die blöckenden Schafheerden, die gleichmüthigen, aber vor Hunger brüllenden Ochsen in unübersehbarer Zahl gingen. Schaaren von Hunden hielten diese lebendige Beute zusammen; und ihr Geheul und Gebell bildete, vermischt mit dem Getöse der plaudernden, lachenden und singenden Wilden, einen seltsamen Einklang. Ueber erstochene Pferde und Menschen ging der Zug hinweg, wie über den weichen Rasen, an den Häusertrümmern vorüber, und südwärts durch niedergetretene Tabaks- und Cacao-Pflanzungen. Die Gegend, die gestern noch in allem Reize des Wohlstands und der Herrlichkeit geblüht hatte, lag nun zerstört vor den Augen der Fortziehenden. Der rückwärts Blickende sah mit Wehmuth die Rauchsäulen aus den Trümmern Dominica's emporsteigen, und die hohen Palmen ihre Blätter über dem höllischen Schauspiele senken. So weit das Auge auf der Parana reichte, war kein Schiff mehr zu sehen.
Die gewandten Abiponer stellten sich hin und wieder aufrecht auf die trabenden Rosse, und wendeten ihr Falkenauge im Rennen nach allen Seiten hin. Auf dem Flusse konnte nichts mehr wahrgenommen werden, und so lenkte denn der Trupp der Anführer, der weit vor dem ganzen Zuge hinritt, landeinwärts. Noch einige Zeit ging es vortrefflich durch Baumwälder und schattige, frisch grünende Sumpfebenen. Bald änderte sich jedoch die Landschaft. Immer mehr und mehr wichen plötzlich die Wälder zurück. Der hohe Baum schrumpfte zum niedern Busch, der Busch zum dürftigen Gestrüpp ein, und endlich verkroch sich auch dieses in einen nackten einförmigen Boden, der kaum hin und wieder Sandstriche bot, aber nirgends einen Stein. Auf dieser Fläche angelangt, die in der Spätmorgenhitze den Gefangenen unerträglich schien, fing der Abiponer erst an aufzuleben. Die unbeschlagnen, leicht gezäumten Pferde flogen nur dahin. Lebhaft schwangen die Reiter ihre hölzernen Speere, und die kleine Jagd begann. Nach allen Seiten streiften die Hunde aus, um Kaninchen aufzustöbern. Der Abiponer, ohne seinen Weg zu unterbrechen, stellt sich auf sein Roß, spannt den Bogen, zielt und fehlt fast nie das von den Hunden herbeigetriebene Ziel.
Aber mitten in dieser Beschäftigung wird von den Vorderreitern ein langer grüner Saum gesehen, der längs dem Boden hinzieht, und das Meer zu sein scheint, oder ein viele, viele Meilen lang gedehnter Strom. Sie werfen ihre Federbüsche in die Luft, und ihr jubelndes Geschrei, das sich den andern schnell mittheilt, verkündigt die Nähe einer ihnen angenehmen Gegend. Die Pferde werden heftiger angetrieben. Gleichviel, ob einer der Reiter stürzt. Er verläßt das zu Grund gerichtete Thier, um sich auf ein anderes zu schwingen. Immer näher kömmt der grüne Saum; höher bald, bald niederer scheinend.
»Die Savanne!« ruft Abiponer und Quaranier aus; jener freudig, dieser niedergeschlagen, weil sich dort sein Schicksal entscheiden soll.
Man betritt endlich den Rand dieser ungeheuren Grasebene, auf welcher kein Baum steht, und kein Fels und kein wirthliches Dorf: nur etwa die leichte Hütte des wilden wandernden Jägers. Ein riesiger Strauß steht, wie der Wächter der grünen Wüste an ihrem Saume, und gafft neugierig nach den Kommenden. Ein gewandter Schütze sprengt auf ihn an. Zu spät denkt das verfolgte Wild an die Flucht. Schon wendet es sich, spreitet die Flügel aus, um mit ihrer Hülfe, schneller als das Pferd, das Weite zu suchen, — da zerschmettert ein Pfeilschuß ihm das Beingelenk!... er stürzt, wird eine Beute des Siegers, der ihm die Federn entreißt, mit denselben den Sattel seines Pferdes schmückt, und lachend mit den Freunden in die Ebene einsprengt.
Welch' ein reges Leben in diesen Flächen, von unglaublich hohem Grase bewachsen! Flüchtige Hirsche durchstreifen, wie ungewisse Schatten, kaum durch ihre Geweihe kenntlich, die Ferne. Tausende von wiehernden Pferden fliegen rechts durch die Halmen. Nicht geringere Geschwader von Stieren setzen links durch das Grasmeer und lagern sich brüllend in demselben, das ihnen Schatten vor dem glühenden Sonnenbrand gewährt. Und der wilde Abiponer, dessen Pferd bis zum Sattel in den Halmen schwimmt, ereilt das flüchtige Roß, und zähmt es durch die einfache Schlinge; er fällt den wildern Stier an, zerrt ihn mit der Schleife zu Boden, tödtet ihn mit einem Streich, und nicht Nothwehr, nicht Hunger rechtfertigt die tollkühne That: nur der leichtsinnige Muthwille, der, überlegener Kraft bewußt, und ihr vertrauend, spielend die Gefahr reizt, hat sie ersonnen, und begonnen und vollendet.
Wenn nun die armen Gefangenen im Rücken des Zuges jene Aeußerungen ungebeugter Kraft wenig beachteten, so waren sie doch den Freiern, mit solchen Scenen Unbekannten, oder derselben Entwöhnten, ein besseres Schauspiel.
Justine, deren Pferd von einem höflichen Abiponer geleitet wurde, vergaß Leiden und Gefahr in dem neuen Anblick. Ines sah mit Herzklopfen die Gebräuche ihres Volkes wieder, und die Erinnerung einer recht frühen Zeit wurden völlig in ihr lebendig, und mit der Erinnerung kamen auch die schweren Worte der Abiponer häufiger in ihren Kopf, geläufiger auf ihre Zunge. Ein Abiponer-Sklave, der einige Jahre zu Santa Dominica gearbeitet und gelitten, hatte damals die Landsmännin gekannt, und mit ihr die heimathliche Sprache geredet, und dem nun längst verstorbenen Manne verdankte Ines nun die bedeutende Hülfe, sich gegen ihre Landsleute verständlich zu machen, und ihrer Freundin Justine, die nicht einmal spanisch redete, nützlich werden zu können. Wie gerne hätte sie dann und wann die Spitze des Trosses verlassen, um nach den lieben Gefangenen zu sehen, nach dem Vater Luis, dessen Leben sie auch erbeten, nach dem jungen Manne, an dem sie so innig Theil nahm, nach dem fremden Geistlichen, ihr ehrwürdig, weil er des Jünglings Pflegevater gewesen. Auch Justine, — obschon das Herz in dauerndem Groll von Münzner und James gewendet, — sah — unfähig ein schönes Mitgefühl zu unterdrücken, — häufig nach der Gegend hin, wo die letzten Staubwolken aufflogen. Die Leute, die ihren Groll verdienten, waren seit der Schreckensnacht gewissermaßen ihre versöhnten Freunde geworden. Nur von ihren Lippen, mitten unter Hunderten von tobenden Barbaren, konnte sie ja die Töne hören, die ihr Ohr verstand; die Töne der Muttersprache, die unter solchen Umständen den Gemeinsten im Glauben des Vornehmsten adeln. Aber — es war nicht möglich, von den Obern der Schaar sich zu trennen. Der Führer, ein alter Cazik von einnehmenden Zügen und kühnem Blicke, ritt zwischen den Mädchen, und ließ sie nicht aus den Augen. Neugierig und verwundert betrachtete er von Zeit zu Zeit Justine, und ihr edles, bleiches Gesicht flößte ihm, wie seinen Leuten, sichtlich Ehrfurcht ein. Nachdenkender betrachtete er Ines, und, wie selten auch seine Geberden zu Justine sprachen, — so häufig redete sein Mund zu Ines.
»Du armes Kind ohne Vater!« sagt er mitleidig zu dem Mädchen; »dort dämmern die Spitzen unserer Dächer. Vergiß alles Leid. Du wirst viele Mütter und Schwestern finden, und ein Jeder von uns ist dein und der Fremden Freund, weil du sie liebst.«
»Ihr werdet doch den Uebrigen kein Leid zufügen?« fragte Ines forschend dagegen.