»Der Capitän, mein Bruder, hat darüber zu entscheiden, und die weise Pilagoterigenat!« erwiderte der Cazik achselzuckend; »je mehr ich aber dich ansehe, Kind, je bewegter wird mein Herz. Ich habe nie eine Tochter gehabt, sonst müßtest du die Meinige sein.«
Das Lager des Stamms wurde sichtbar und deutlicher. Leichte Rohrdächer auf schlanken Pfählen ragten in die Luft. Einige zerfetzte, irgendwo den Spaniern abgenommene Zelte brüsteten sich, von fliegenden Wimpeln umgeben, in der Mitte der regellos zerstreuten Hütten. Ein Graben schloß das Lager ein, aber diesseits des Grabens weideten die Pferde des Volks, und der erste Laut, den die Ankömmlinge vernahmen, war die Glocke der Madrina[5]. Einige Augenblicke später ertönte ein gellender Ruf aus vielen Weiberkehlen. Aus dem hohen Grase stiegen Pferde auf. Auf ihrem Rücken hingen die abiponischen Weiber: Mädchen und Frauen. Die Ersteren trugen den aus der Ferne gesehenen Männern Schläuche mit Chika, die Zweiten die Säuglinge an der Brust entgegen. Ihr Jubel war grenzenlos, und scheuchte die Hundebanden in's Weite, die außerhalb des Lagers an den Ueberbleibseln der geschlachteten Ochsen und Schafe nagten. Gestreckten Laufs kamen die Weiber heran, — schöne Gestalten, den wohlgebauten Männern nicht nachstehend, freundlichen Angesichts, mit rabenschwarzen Haaren. Das Wiedersehen hatte alles Feuer des Süden. Ein lustiges Getümmel mischte sich in den kriegerischen Zug. Die Lanzen und Bogen wurden den Männern abgenommen, der Meth ihnen kredenzt, und nach dem ersten Sturme des Willkommens reihte sich die Schaar der Weiber um Ines und Justine. Die blendende Farbe der Letztern, ihr fremdartiger Anzug; die Entschlossenheit, mit der sie zu Pferde saß; ihre Freundlichkeit, trotz der Lage einer Gefangenen, erregte Theilnahme. Die Weiber berührten ihre Hände, ihr Gesicht; zogen ihre seidenen Haare durch die Finger; erstaunten über ihre Augenbraunen und Wimpern, welche von den Abiponern vertilgt werden; verwunderten sich, daß sie kein eingeätztes Kreuz auf der Stirne trug, noch eingegrabene Figuren auf den Armen und Füßen, wie die Abiponerinnen, sagten ihr tausend Schmeichelworte, von welchen die arme Deutsche nichts begriff, und führten sie, sammt der lebhaft begrüßten Ines, die nicht genug erklären konnte, nach dem Zelte der Capitana, während der ganze Kriegertroß sich's in der wandernden Heimath bequem machte, die Weiber mit Geschenken vergnügte, das Gepäck ablud, und die Pferde in die Weide jagte. Die Capitana saß unter dem Eingange des Zeltes, und auf ihrem Schooße ruhte ein vor wenigen Tagen geborner Sohn. Die Mädchen klopften mit Zweigen an die Wand des Zelts, und riefen: »Heil bringe dem Sohne die Fremde, die wir ihm zuführen!« — Die Frau des vornehmsten Caziken, dieselbe, die unter dem Eingange saß, ein nicht mehr junges, aber rüstiges Weib, stand auf, ging Justinen entgegen, und hielt eine lange Anrede. Ines antwortete der Begrüßung. Nun schlugen plötzlich alle Umgebenden verwundert in die Hände, und riefen: »Bei unsern Vorfahren! ist diese nicht die Tochter unserer Mutter? Der Gejenk der Savannen hat noch nie zwei Eier gelegt, die sich ähnlicher gewesen wären!« — Die Capitana schrie auf, und fiel in Ines Arme. — »Ach!« sagte sie weinend: »bist du's denn, arme, verlorne Misinga? die ich, auf der Flucht vor den bösen Waldreitern, entschlafen auf dem Pferde, aus den Armen verlor? Hat dich das Raubthier nicht verzehrt? Hat dich der Spanier nicht mißhandelt? Bist du's denn gewiß und keine Zauberin, die eine Mutter täuscht?«
Ines erkannte der Mutter Stimme wieder. Sie durfte, sie wollte nicht mehr zweifeln. Die Weiber schlugen jauchzend die Trommeln, und die Capitana riß mit dem Rufe: »komme zum Vater!« die Tochter und Justine ihr nach in's Zelt. Hier lag der Capitan, der Sitte des Volks gemäß, auf einer Matte, in Decken eingewickelt, und hielt in strengem Fasten die Wochentage seiner Frau. Allenthalben, wie eine Wöchnerin, vor Zug und Sonnenstrahl geschützt, und mit Bedeckung überflüssig versehen, horchte er gerade in seiner trübseligen Lage, während Freunde um sein Lager saßen und schmausten, auf das Mährchen, das ihm ein häßliches Weib erzählte, welches, abenteuerlich mit Federn und Zweigen geschmückt, neben seiner Matte auf der Erde saß. Kaum vermochte die Nachricht von dem glücklich errungenen Siege, und dem Wiederfinden seiner Tochter ihn zu bewegen, die Stellung, worin er sich befand, einigermaßen zu verlassen. Er streckte der weinenden Ines die Hände entgegen, und rief ihr Willkomm zu. Einige junge Leute, die mit im Streifzuge gewesen waren, begrüßten und umarmten Ines als ihre Schwester. Die Capitana war außer sich vor Freuden, und endlich priesen alle vereint sowohl das Schicksal, das ihnen dieses Vergnügen gemacht, als die mildthätigen Menschen, die für Misinga Sorge getragen. — Ines benutzte diesen Zeitpunkt, und sagte: »Vater! Mutter! Brüder! diese Menschen sind von Euch gefangen. Löst ihre Bande, und erfüllt für mich die Pflicht der Dankbarkeit!«
»Sie sollen meine Gäste sein, wenn Pilagoterigenat es erlaubt,« sagte der Cazike, nach dem häßlichen Weibe sehend.
Dieses, die Zauberin und Wahrsagerin der Horde, verdrehte überlegend die Augen, klopfte mit seltsamen Geberden auf die Trommel von Otternhaut, die ihr zur Seite stand, und antwortete mit singendem Tone: »Balichu[6] will mehr als geschlachtete Pferde! er will Hirnhäute der Feinde, sonst wird nimmer der Großvater genesen.«
Mit diesen Worten kam plötzlich allgemeine Betrübniß über die Weiber: sie warfen sich zur Erde, zerschlugen sich die Brust, zerrauften das Haar.
»Der Großvater[7] ist krank, und läßt sich nicht am Himmel sehen,« erläuterte der Cazike seiner Tochter sehr niedergeschlagen; »Balichu will ihn umbringen. Noch nie ist er so lange ausgeblieben. Es muß geschehen, was Pilagoterigenat befiehlt.«
»Misinga's Wohlthäter müssen am Leben bleiben!« rief ein Bruder des Mädchens: »wir haben Quaranier gefangen. Sie mögen fallen!«
»Mordet doch keine Menschen!« bat Ines mit ängstlicher Rührung: »das bringt Euch nimmer Segen!«
Die Gefangenen wurden in das Zelt gebracht. Die Zauberin sah nach dem dämmernden Himmel und sagte: »Steh' auf, Capitan, deine Zeit ist vorüber. Dein Kind hat nichts mehr zu befahren. Iß und trink, und wähle mit deinen Freunden Balichu's Opfer!«