Eilfertig folgte der Cazike dem Befehl, ließ Speise und Trank herbeischaffen, und setzte sich mit seinen Freunden, den Anführern, unter den Eingang des Zeltes zum Schmause und Gericht. Der ehrwürdige Luis eröffnete den Trupp der Gefangenen, erschöpft aber muthig. Münzner folgte ihm, standhaft, emporgerichtet: auf Alles gefaßt. James, der Dritte, warf einen Blick in Justinens Auge, das Versöhnung und Angst ausdrückte, und dieses Auge gab ihm Muth. Einige Indianer, gebunden und niedergebeugt, machten den Beschluß. Ines flog an Luis Hals, streckte ihre Arme über James und seinen Pfleger aus, und rief: »Diese sind mein! diese dürfen nicht sterben, sondern beim Vater bitten für uns!« Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebietenden Aussehen der Priester gerührt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der Geschützten wurden gelöst; sie setzten sich zum Mahle des Capitans nieder, der ihre Stirne berührte, ihnen zu essen reichte, und somit ihre Freiheit heiligte. Ines führte Justine mit schmeichelnder Geberde in den Kreis der Mädchen, die, wie die Frauen, abgesondert standen. Alle Blicke richteten sich nach den, zum Opfer bezeichneten Quaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte sich, um eine Fürbitte für die Armen einzulegen. Der Abiponersprache mächtig, so wie diese Wilden mit dem Spanischen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehört zu werden. Die Quaranier hingegen, die geschmeidigen Leute, ihr Schicksal voraussehend, versuchten das letzte Mittel, eilten auf die blutdürstige Zauberin zu, warfen sich ihr zu Füßen, gaben ihr hundert Schmeichelnamen, — nannten sie den blühenden Vollmond, und bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde rege. Die Flehenden waren hübsche, junge Leute, die sich ihrer Fürbitte anvertrauten. Sie nickte bald, bald schüttelte sie nachdenklich das Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Caziken Auge. Nun rührte das Weib abermals die Trommel, starrte vor sich hin, renkte und krümmte sich, murmelte viele unverständliche Worte, und sang dann wie in Verzückung: »Hört, Capitane! Hört, Abiponer! ihr schnellen Reiter in den Haiden! Ihr schnellen Feinde der Straußenbrüder![8] Hört, was Pilagoterigenat Euch verkündet! Ihr seid menschlich und liebevoll im Streite; Ihr macht Eure Gefangenen zu Euren Brüdern![9] Ihr fraßet sie nie, wie die bluttriefenden Chiriguaner! Ihr werdet auch diese hier, ob sie gleich schlechte, weichliche Quaranier sind, nicht schinden, aber Balichu hat Hunger, der gestillt werden muß, damit er den Großvater wieder loslasse. Ihr seid glücklich im Siege, der Meth ist gerathen, die Pferde sind gesund, und Ihr lebet lange, weil Ihr gerecht seid! Eure Sünde hält den Großvater nicht in Schweiß und Mattigkeit gefesselt. Eine fremde Sünde muß es also thun; und diese Sünde liegt in dem Fremden, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen in's Lager brachte. Ihr erquickt, ihr Menschlichen, in ihm des Großvaters Tod. Ich koche ihm keinen Trank mehr. Ich röste ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet sein Stöhnen, sein Seufzen, seinen Schreck vor dem Schatten der Wolken! wie er zitterte, als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte und die Hände rang! Er ist ein Verbrecher, und sein Tod — das ist Pilagoterigenats letztes Wort — besänftigt allein unsern Feind.«

Mit lautem Geschrei wurde der Hexenmeisterin Vortrag aufgenommen, und viele junge Leute stürmten fort nach der abgelegenen Hütte, die den Unglücklichen, so kaltblütig zum Tode Verurtheilten beherbergte. »Jesus, was wird das geben!« sagte der Pfarrer von Dominica zu dem Pater Xaver: »Hat mein Auge nicht schon der Gräuel genug gesehen?«

Münzner seufzte still vor sich hin. James forschte nach Erläuterung der seltsamen Bewegung um ihn her. Justine blickte neugierig und beunruhigt nach der Ferne, woher der Lärm der Rückkehrenden sich vernehmen ließ. Ein armer, leidender Mensch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen. Zwei Jünglinge mit Skalpirmessern tanzten vor ihm her. Neugierig erhob sich Alles, den zum Tode Bestimmten zu sehen, der vor dem Capitan niedergelegt wurde. Die Schwarzkünstlerin, begierig, endlich ihren Willen erfüllt, Blut fließen zu sehen, geberdete sich rasend, auf den Verdammten zeigend, und schreiend: »Der ist's! der ist's! herunter mit seinen Haaren! Aus dem Leibe sein Herz!«

Die Weiber heulten laut auf. Die Männer sangen ein Todtenlied. Die Opferer näherten sich mit seltsamen pathetischen Geberden dem Schlachtopfer: Luis und Xaver knieten, zugedrückten Auges, betend hinter dem stehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Justine. Diese jedoch stürzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenstand des Bedauerns und der Wuth hin, umfaßte ihn krampfhaft, und kreischte, daß die weite Ebene hallte: »Um Gottes Barmherzigkeit und Gnade willen! Menschen! haltet ein! das ist mein Vater!«

Eine allgemeine Verwirrung entsteht nun. Das Beginnen der stummen Fremden erregt Staunen. Die Priester blicken auf, erkennen den Senator, der, abgehärmt wie der Tod, kümmerlich in eine Decke gehüllt, ohnmächtig an dem Busen der verzweifelten Tochter hängt; James sieht die Mordmesser über Justinen's Haupte schweben. Des geliebten Mädchens Gefahr reißt ihn über die Schranken jeder Bedenklichkeit: »Justine!« ruft er, und setzt in den Kreis, stößt die Mordlustigen von dem Mädchen zurück, trotzt jeder Mißhandlung. Die aufhetzende Zauberin wüthet ihm gegenüber, Schaum vor dem Munde, und Zittern in allen Gelenken. »Fort mit der tollen Fremden!« brüllte sie: »das Böse sitzt in ihr. Fort mit ihr, wenn Euer Leben und der Großvater Euch lieb sind!«

Es giebt unter der Menge Gemüther, die dem Aberglauben unbedingt gehorchen. Diese werfen James zu Boden, und schleppen ihn zur Seite. Ines, ihre geliebte Senora zu retten, umfaßt Justine mit voller Gewalt, und die übrigen Weiber, ohne auf ihr Zettergeschrei zu hören, zerren sie von dem Vater hinweg. Der Aermste ist aber noch nicht dem Feinde Preis gegeben, denn, stark wie ein Löwe, und stolz wie dieser, umschlingt den Betäubten der Pater Xaver. Ein Sieg verdienender Heldenmuth blitzt aus seinem Auge, zwanzig Jahre scheinen von seinem Scheitel entflohen zu sein. »Müssinger!« ruft er dem sich Ermannenden in's Ohr: »Du lebst noch! noch sehe ich, der Reuige, dich wieder! Vergieb, wie ich bereue. Mein Blut für dich, oder mit dem deinen!«

Lächelnd sieht er gen Himmel: aus dem dämmernden Azur scheint die Marterkrone auf sein Haupt hernieder zu schweben. »Clara!« sagt er mit leiser himmlischer Sehnsucht: »Ich bringe ihn dir! wir kommen zusammen! hilf uns empor!«

Während James wüthet, Justine laut jammert, die Zauberin rast, und die Haufen, um das fest umschlungene Paar versammelt, unschlüssig auf das Schauspiel sehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Caziken, und schildert ihnen die Schändlichkeit des Mords, die Unzulässigkeit ihres Wahns, die Lügen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerksam zu, aber betrübt klingen stets die Worte wieder: »der Großvater stirbt: Vater! sollen wir ihn sterben lassen!«

»Gott ist Euer Vater!« predigt mit jugendlichem Feuer der Greis: »jene Sterne sind nicht Eure Ahnen, sondern ein Werk seiner mächtigen Hand! Seinen Gesetzen folgen sie, und treten aus den Wolken, wann Er, unser einziger, heiliger Gott, es will; nicht, wann Ihr einen Menschen schlachtet. Noch mehr, meine Freunde! ein Gedanke fliegt aus meiner Seele zum Himmel auf, ein Einziger, — eine Bitte, und dort leuchtet schon das Siebengestirn!«

Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geschickt benützend, deutet der Jesuit gen Himmel, wo es in seiner Pracht hervorgetreten war. Aller Augen folgten dem Fingerzeig; alle Mienen belebten sich mit Freude und Lust. Ein helles Gejauchze erschüttert den Plan. »Großvater!« rufen Männer, Weiber und Kinder, springend, tanzend und in die Hände klatschend: »Bist du endlich wieder zu uns Verlassenen zurückgekehrt? Bist du nicht mehr böse auf uns? wie danken wir dir, lieber Vorfahr! sei gegrüßt!«