Und Feinde umarmen sich, und für die Gefangenen fließt Meth und Chika in vollen Strömen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die Zauberin, die sich beschämt entfernte; Justine liegt ungehindert in des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Caziken zu den Füßen des Priesters, dessen Wort und Gottesverheißung so schnell in Erfüllung gegangen. Im Nu ist ein anderer Geist lebendig geworden, die Trauer ist gewichen, und das Siegesmahl und das Fest des Siebengestirns verschmelzen in eine Feier. Jeder liefert seinen Beitrag hiezu. Der Platz vor des Capitans Zelte wimmelt von frohen Menschen. Lebensmittel und Getränke kommen im Ueberflusse herbei. Trommeln und Pfeifen blasen zum Tanz, und rufen die Mädchen, die ihren Reihen bilden. Nach der seltsamen Musik einer mit Steinen gefüllten Kürbisflasche, tanzt in wüsten Stellungen die Schwarzkünstlerin, die sich wieder eingefunden. Gruppen von jungen Leuten ringen und springen; andere singen Kampfgesänge; die Weiber, auf ihren Matten abgesondert, stimmen mit ein, und auf den Häuten des Yagurate, oder des Stiers, gelagert, trinken die Männer aus Hirnschädeln erschlagener Feinde oder getreuer Hunde, oder aus großen Stierhörnern den berauschenden Meth, die gährende Chika; hören dem Pfarrer von Dominika zu, preisen den Gott der Spanier, und beschließen im Rausche, zum Dank Christen zu werden. »Wir haben deine Kinder getödtet,« sagen sie dem Pater treuherzig, »weil wir Euch für unsre Feinde hielten, und nach Beute lüstern waren; aber — wir selbst wollen von nun an dich Vater nennen, und deinen Caziken gehorchen, und dem, den du Gott nennst, denn er ist ein starker Geist, und, wahrlich, des Fremden Blut hätte es nicht allein gethan!«

James und Münzner hatten sich indessen, Arm in Arm verschlungen, aus dem Gewühle entfernt, und gingen, erzählend und dankend und zufrieden, längs dem Graben hin. Sie kamen an ein schmales Rohrzelt, wohin Ines den Senator mit Justine hatte bringen lassen, damit sie ungestört seien. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauses brannten hundert Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenschimmer. Der kranke Vater schlief. Justine saß zu seinen Füßen, und ihr Herz war leidend und selig froh zugleich. Ines hatte sich herbeigeschlichen, und die Mädchen kauerten einander gegenüber, und drückten sich nur die Hände, und streichelten sich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht im Geringsten. Das Abendlicht war so helle, daß Justine ohne Mühe den Doctor und seinen Begleiter erkennen mochte, als sie in das Zelt traten. Sie stand schnell auf, streckte ihnen die Hände entgegen, und sagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit selbst keine Waffen hat: »was wollt Ihr hier, Herr Doctor? was Ihr, Monsieur White? O, kehret um, ich bitte Euch. Dort liegt mein Vater — vielleicht in seinem letzten Schlummer! laßt ihn, wenigstens im Tode, seiner Tochter. Ihr habt den Wein seines Lebens vergeudet, laßt mir die Neige.«

Sie setzte sich stumm zu des Kranken Seite nieder, und die Männer flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Thränen im Blicke, Münzner mit Feuerqual in der Brust. — »Kaum wieder neu belebt durch das Leben meines Freundes,« sagte der Doctor schwermüthig, »so verstößt mich auch schon wieder der Tochter allzugerechter Vorwurf aus dem wiedergewonnenen Paradiese. Wie sehr bin ich der Vergebung bedürftig! auch der deinen, mein Sohn! Ich habe falsch geglaubt, falsch gehofft, falsch gehandelt! Gutes wollen, und Uebel thun, — welch' verlornes Leben!«

»Wir wollen zusammen gehen!« erwiderte James. »Zusammen und vereint dulden, wenn diese wilden Räuber uns nicht vereint noch tödten! hören Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den trunknen Gesang? welche Schrecken, welche nie erhörte Lage umgiebt uns? ist es nicht ein Traum, daß ich auf der Parana schiffte, in Dominica sie wiederfand? daß wir nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, daß wir hier in den Savannen athmen, und unter diesem Himmelsstriche den Senator wiedergefunden haben? Rütteln Sie mich, mein Vater, daß ich erwache; denn sicher wohnen wir noch in der Rahmgasse, und Alles ist nur Täuschung, eines schweren Schlummers Werk.«

»Wäre es doch also!« versetzte Münzner. »Leider leben wir in der rauhsten Wirklichkeit. Dieser Himmel ist der Südamerika's, dort ragen die Zelte und Rohrdächer der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger, und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles ist wirklich um uns her, und Gottes Allmacht ist auch hier mit uns, so wahr als dort ganz in der Ferne von den Höhen ein Feuermeer zu wallen scheint.«

»Wahrlich!« sagte James, hinsehend; »welch neue Erscheinung! ist nicht alles wunderbar in diesem zauberischen Lande? brennt dort ein vom Winde bewegter Wald? Oder fließt ein glühender Lavastrom um den Saum der Savanne?«

Mit raschen Schritten eilten sie dem Feste zu. Die Indianer hatten die Erscheinung ebenfalls bemerkt, und standen, sie still betrachtend. Das Feuer, wandelnd, abwärts steigend, verschwand bald, bald kam es wieder hervor; endlich wogte es tief unter, daß nur der Schein am Firmamente es bemerkbar machte.

»Das ist nicht Wald, nicht Erdfeuer!« sagte ein Abiponer, dessen Augen, im Dunkel sogar, Falkenschärfe hatten; »das sind wandelnde Holzbrände! ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, ist, der dort kömmt.«

Die Abiponer geriethen in stürmische Bewegung. Die Männer pfiffen den Pferden, die Weiber den Hunden, Kinder und Heerden, Alte und Kranke, Waffen und Vorräthe wurden auf einen Haufen geschleppt, alle Fackeln ausgelöscht; tiefe Stille geboten, und lauschend drückten die vordersten Wachen des Volks das Ohr an die Erde. — Diese Kinder der Natur, mit den geschärftesten Sinnen, hören aus weiter Ferne das Schnauben von Thieren, die aus dem stillen Lager im Grase gejagt schienen, Gemurmel und Getöse von Menschen.

»Beruhigt euch,« sagte Pater Luis zu seinen beiden Gastfreunden, dem Doctor und James, »ich weiß, was sich uns naht. Ich hoffe darauf mit Zuversicht. Jene Berge sind Brasiliens Vormauern. Der Indianer, von welchem ich Ihnen sprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der verwichenen Nacht, war mit mir auf's selbe Pferd gebunden, wußte seine Bande zu lösen. Gott schütze dich, Vater, sagte er, leise vom Pferde unter den Troß des Viehs gleitend, ich bringe dir Hülfe. Dort hinter den Bergen liegt der gute Jesus in den Wildnissen, und ich bin dort wie ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erschießt. — Im Grase kriechend verlor er sich aus den Augen, und gewiß — ganz gewiß ist jenes Lichtmeer ein Bote seiner Hülfe. Unsere Fackeln zeigten den von den Bergen Steigenden die Richtung nach unserm Aufenthalt, und sie kommen jetzt sicher, um uns zu befreien.«