Die Abiponer rührten sich nicht, im Anschauen der seltsamen Erscheinung verloren, und vertrauten auf des Pfarrers Wort, der ihnen versicherte, es würde nicht ihnen, nicht den Ihrigen ein Leides geschehen, so lange er auf ihrer Seite stände. Der Tag war bereits angebrochen, als sich im Strahle des Morgenlichts die Scene entwickelte. Durch die grasige Ebene näherte sich ein großer Haufe. Gewehre blitzten in langer Reihe. Dieser Anblick entmuthigte die Abiponer, und sie wollten, dem Pulverblitze feind, die Flucht ergreifen. Pater Luis hielt sie mit seiner Beredsamkeit im Zaume. Die fremden Krieger machten auf Flintenschußweite Halt. Sie hatten sich beinahe sämmtlich mit Pferden der Savanne beritten gemacht. Eine schimmernde Fahne flatterte in ihrer Mitte. Die Abiponer staunten das Panier mit dem goldenen Kreuze an, und blickten auf Don Luis, der die Obersten aus ihnen wählte, und von ihnen, Pater Xaver, James und der dienstfertigen Ines begleitet, wie in einer feierlichen Procession, mit weißen Federn wehend, auf die Fremden losging. Weiße, schwarze und rothbraune Männer saßen regungslos, den Karabiner oder die lange Flinte in der Faust, auf den Pferden; dürftig gekleidet, aber voll von Kraft und Muth. Bei dem Paniere hielt, von einigen besser gekleideten Anführern umgeben, der Hauptmann des ansehnlichen Trupps: eine herrliche Mannsgestalt mit schwarzem Bart und frisch gerötheten Wangen, in eine leichte braune Kutte gehüllt, Stiefel und Sporen an den Füßen, einen Strohhut mit einer bunten Feder auf dem Kopfe. Ein breiter Ledergürtel hielt ein Paar Pistolen und einen gewichtigen Säbel. Eine Doppelflinte hing über seinen Rücken. — Kaum hatte er von ferne den Pater Luis wahrgenommen, als er vom Pferde sprang, und stürmisch auf ihn zulief. »Beim heiligen Jakob!« rief er ihm auf spanisch zu: »Onkel! kennen Sie den Vetter Vereira noch? finden wir uns hier, und bin ich nicht gekommen wie der Blitz? Ihr Name, den mir der Bote nannte, war genug; mein Korps stieß zusammen, und hier sind wir; fast unzufrieden, Euch nicht mehr in Ketten zu finden, um Euch zu beweisen, wie Ernst mir's war.«
»Ich bringe Euch hier ein Volk von Gefangenen,« sagte Luis hierauf; »Gefangene im Glauben. Statt ihr Feind zu sein, werdet Ihr Taufpathe!«
Zweiter Abschnitt.
Die Taufe. — Trennung. — Unschuldige Liebe. — Zug in die Berge. — Der gute Jesus in den Wildnissen. — Fernandez. — Der Flüchtige. — Der Fürst der Wildnisse. — Das Bild des Erlösers. — Reue, Bekenntniß und Versöhnung. — Sehnsucht nach außen. — Der Doctor in den Wäldern. — Der Vorposten. — Hauptquartier zu la Guasta. — Brigadier und Assistent. — Gezwungener Verrath. — Kriegssturm. — Das Asyl in den Felsen. — Die verdächtigen Fremden. — White's Edelmuth. — Die Flucht aus den Felsen. — Strand, Schiff und Heimath. — Der Maierhof zu St. Dominica. — Xaver's Brief. — Schluß. —
Die Abiponer, eifersüchtig, ihr Wort zu halten, wenn sie es gleich im Rausche gegeben, — von Dankbarkeit für den Pater Luis durchdrungen, weigerten sich der Taufe nicht, die mit so vielen Feierlichkeiten statt fand, als in der Savanne nur anzuwenden waren.
Nach dem Hauptmanne Vereira, einem Neffen des Priesterfürsten vom guten Jesus in den Wildnissen, wurden alle Männer des Stammes Fernandez, — nach der liebenswürdigen Cazikentochter Misinga, alle Frauen und Mädchen Ines genannt. — Als die Ceremonie vorüber war, kamen alle Führer der Abiponer auf Luis zu, drückten ihm die Hände, küßten sein Kleid und sagten: »Wahrlich, du bist ein guter Mann, was auch Pilagoterigenat sage, die wir in's Freie gejagt haben, daß sie nicht wiederkomme. Du hast uns den Großvater und des Capitans Tochter wiedergegeben, und deinen Gott mit uns getheilt. Wenn du uns ernähren und nicht strafen willst, so begehren wir, mit dir nach deiner Heimath zu ziehen. Wir haben deine Hütte verbrannt: wir wollen sie wieder aufbauen; wir wollen dein Volk werden, und nicht in das Gebirge mit dem fremden Manne gehen, weil wir dort unsere Pferde schlachten müßten. In deinem Lande hingegen ist's eben, und Wild und Gras und Wasser fehlt nicht, und, weil du Misinga erhalten, wirst du uns auch nicht verlassen, und darum lieben wir dich.«
Die Antwort des Pfarrers war bejahend, und des redlichen Alten Brust hob sich freudiger bei dem Gedanken, in seinen entvölkerten Pflanzort wieder neue Kinder des Segens einzuführen. Alle Bedenklichkeiten des jungen Vereira widerlegend, beschloß er die Heimkehr an der Spitze der Abiponer, und bat seinen Vetter nur, die Fremden nicht verlassen zu wollen, die nicht nach St. Dominica zurückkehren durften. Vereira versprach's mit aufrichtiger Herzlichkeit, und Jedes ging seinerseits dahin, die Vorbereitungen zur nahen Trennung zu treffen. In dem Getümmel, das dadurch entstand, begegnete dem Doctor Münzner Justine, die ihn unter der Menge ausgespäht hatte. Schnell zusammengetroffen, standen Beide einander gegenüber. — Justines Antlitz drückte Verlegenheit, Münzners staunende Ueberraschung aus.
»Ein Wort, mein Herr,« sprach Erstere schüchtern: »ein Wort der Bitte, mein Herr, wenn Sie es anhören wollen. Sie haben gestern großmüthig und edel meines Vaters Leben beschützt, — mit Ihrem eigenen Leben; — ich erfuhr es heute erst durch den Vater; ich war gestern blind vor Schmerz; ich danke Ihnen aus voller Seele; ich bitte um Vergebung meiner Härte. Ich bitte Sie, zu meinem Vater zu kommen, der nach Ihnen verlangt. — Schlagen Sie ihm die Wohlthat, — mir die Gelegenheit nicht ab, Ihnen auf's Neue dankbar verpflichtet zu werden.«
Sie schwieg erwartend, sie hatte viel über sich und ihren Groll gewonnen.