Münzner stand beschämt vor der Tugend eines Kindes, das seinen Vater über alles liebt. »Meine beste Jungfer ...« erwiderte er, »... wenn Sie wüßten, wie Ihre Worte mein Herz berühren ...« Er vollendete nicht; Thränen, die seine Augen nur mit Gewalt zurückdrängten, verhinderten ihn daran. Aber, als er seinen Freund wieder sah, — dahin siechend auf armseliger Matte, — aller Arznei, aller Bequemlichkeit entbehrend, und dabei ruhig und geduldig, wie ein schon Abgeschiedener, da kamen dennoch die Thränen auf's Neue über ihn, und er wurde ihrer nimmer Meister. Ueber den Senator bückte er sich, legte seine Stirne an die fieberhaft brennende des Kranken, und sagte nur die Worte: »So uns wiedersehen, mein Freund?«
»Ach! schon genug, daß Wir uns noch wiedersahen!« erwiderte der Senator: »ich war des Lebens überdrüssig geworden. Meine Krankheit nahm zu. Meine Tochter wieder zu sehen hoffte ich nicht mehr. Die Zeit schlich mir träge dahin. Endlich dachte ich: es sei das Beste, den Anguaybaum aufzusuchen, von dem mir die Quaranier so viel sagten. Sein Balsam sollte mich heilen, oder die Mühseligkeit des Wegs mich umbringen. Euch nicht im Voraus zu beunruhigen, hielt ich den Vorsatz geheim, führte ihn ohne Euer Mitwissen aus. Der zweite Morgen unserer Reise war auch schon der Letzte meines armen Führers. Mit unserer Reisetasche und meinen Kleidern beladen, ging er vor mir her. Ein Tiger, der mit schon blutigem und dampfendem Maule aus dem Dickicht mit entsetzlichem Sprunge setzte, riß ihn zu Boden, schleppte ihn unbarmherzig in das Gestrüpp. Ich floh — beinahe unbekleidet, ohne Speise, und ohne den Weg zu wissen. Ein Abiponer fand mich am Abend, beinahe verschmachtend am Boden liegend, und brachte mich in das Lager seiner Horde. Die Wilden verpflegten mich menschlich, aber vielleicht ist der Name St. Dominica, den ich stammelte, mit eine Veranlassung zu Euerm Unglück gewesen. — Zu meinem Glücke. Ich habe Sie wieder gesehen, mein Freund. Ich darf hoffen, in Ihren und der Tochter Armen zu sterben.«
»Ich gehe nach Dominica zurück,« antwortete Münzner verlegen und trübe: »meines Standes Pflicht ruft mich nach Europa.«
»So ist es wahr?« seufzte der Senator, wehmüthig die Hände faltend: »Sie wollen mich verlassen, während ich mich an Sie gewöhnte, wie das Kind an die Mutter! Sie mich verlassen, und ich hänge an Ihnen!«
Münzner zeigte bedeutend auf Justine, die bleich und schweigend gegenüber saß.
»Sie haben eine vortreffliche Tochter,« sagte der Doctor.
»Ja, Dank sei dem Vater im Himmel!« versetzte Müssinger, Justinens Hand drückend: »Sie ist gut, aber ihre zärtliche Liebe genügt dem Sterbenden, dem Schwerbeladenen nicht. Ihre heiligste Pflicht hält Sie hier zurück.«
Münzner schwieg, sinnend, widerstrebend, vergleichend, in schwerem Kampfe. Justine erhob sich, trat vor ihn, und sprach mit einfacher rührender Milde zu ihm: »ja, mein Herr! Ihre heiligste Pflicht. Mein guter Vater würde, fürchte ich, in Verzweiflung gerathen, wenn Sie von uns scheiden. Sie haben verstanden, sich mit ehernen Banden an sein Herz zu ketten; zerreißen Sie es nicht mit der Fessel! —«
»Wie, Mademoiselle?« fragte Münzner schwankend; »Sie, Sie halten mich auch zurück? Sie, die mich haßt, — die mich verachtet?«
»Ich bin nicht unversöhnlich,« sagte Justine mit vieler Klarheit: »ich habe Sie nie verachtet ... Gott! nein! gefürchtet hab' ich Sie und verabscheue noch Ihr Kleid! Aber — könnten Sie zweifeln, daß ich Ihnen das Verderben meines Hauses aus voller Seele vergebe, wenn Ihre Gegenwart auch nur um eine Stunde meines geliebten Vaters Leben verlängert? Bleiben Sie daher; ich beschwöre Sie jetzt so aufrichtig, als ich Sie gestern aus diesem Zelte wies. Theilen Sie mit mir die Sorgfalt für meinen Vater.«