Münzner konnte nicht widerstehen: nicht dem Bitten des Senators, nicht der einfachen Rede der Tochter. »Sie sammeln glühende Kohlen auf mein Haupt,« sagte er: »ich bleibe bei Ihnen, meine armen Freunde. Kömmt die Zeit, die unumgänglich die Erfüllung meiner Ordenspflicht begehrt, so finde ich auch über St. Sebastian meiner Reise Ziel.«
»Recht, mein Freund,« sagte Pater Luis, der — die letzten Worte hörend, — mit Vereira und James in das Zelt trat. »Vergessen Sie den guten Jüngling nicht, der nicht nach Dominica zurückkehren kann, ohne das Kleid zu nehmen, das er nicht liebt, und der durch den Antheil, den er an Ihrem Schicksale nimmt, wohl auch Ihre Theilnahme verdient.«
»Darf ich?« fragte James schüchtern, ohne kaum die Augen gegen Justine aufzuschlagen.
»Mein Retter!« rief der Senator freudig, drückte ihn an seine Brust und weinte: »womit kann ich dich belohnen, was du für mich gethan? Ich bin ein Bettler geworden, mein guter James. Ich habe nichts, als mein schwaches, kaum noch schlagendes Herz! Ich muß verhungern, wenn nicht Wilde mich speisen, oder mitleidige Christen mich unterstützen.«
»Ihr Unterhalt ist die Sorge dieses Mannes,« antwortete Luis, auf Vereira zeigend: »Ihre Heilung dürfen Sie getrost von seinem Oheim erwarten. Im Uebrigen sind Sie kein Bettler. Ihr Testament muß Ihnen zurückgestellt werden. Ich werde an den Provinzial berichten.«
»Hoffen Sie nicht darauf,« sagte ihm bekümmert und leise Münzner in's Ohr: »der Empfangschein des Documents wurde mit dem Pfarrhause ein Raub der Flammen.«
Ines, von ihren Eltern begleitet, trat herein, lief auf Justine zu, umarmte sie unter heftigem Schluchzen, nahm unter den lebhaftesten Geberden von ihr Abschied, und sagte alsdann zu Luis gewendet: »Alles ist bereit, mein Vater! führe uns Alle, die der Jungfrau Gnade erweckte, in unsre zweite Heimath. Wir folgen Dir!«
Luis blickte auf die Freunde, die er verließ, — sein Auge wurde feucht. Seinen besten Segen legte er auf Müssingers Haupt, und verließ, ohne ein Wort zu reden, das Zelt. Alle, bis auf Justine, die beim Vater blieb, folgten ihm.
»Um Gotteswillen!« sprach er zu den Männern, die seine Hände schüttelten: »macht mich armen alten Sämann nicht weich und kindisch. Keinen zärtlichen Abschied. Ich brauche alle meine Kraft, um in meinem ein und siebzigsten Jahre wieder da anzufangen, wo ich vor vierzig Jahren anfing. Wohl werden neue Hütten zu Dominica entstehen; wohl werden viele meiner Kinder wieder dahin zurückkehren, und Gott mir beistehen, daß ich die bekehrten Widersacher zum Frieden leite. Für einen erschöpften Greis ist aber das Werk dennoch groß und zweifelhaft. Laßt mich daher ohne Kummer und Schwäche scheiden. Ueber den Himmeln sehen wir uns wieder, und ich will der Erste sein, der auf dem Platze ist. Gott, Glück, Heil und Segen — kurz — Gott mich Euch!«