Sie reichte ihm zögernd und dennoch sehnend die Hand, und wendete sich halb von ihm. Er drückte die Rechte der Jungfrau. Schnell zog sie die Finger aus den Seinen, rief mit ausbrechender Klage: »Ach! und dennoch werdet Ihr sehen, Jago, daß Niemand in der Welt Euch liebt, wie ich es thue!« riß sich kräftig von ihm los, und eilte wie ein fliegender Vogel den Landsleuten zu. Wie betäubt sah ihr James nach, und als ob mit der unschuldvollen liebenden Indianerin ein Theil seines Herzens sich losgerissen hätte. Augenblicklich setzte sich die Abiponer-Horde in Bewegung. Ines saß weinend, ohne zurückzuschauen, auf ihrem Pferde. Neben ihr ritten die tröstenden Eltern, und Luis, der noch einige Male zurückblickte, mit seinem Tuch winkte, und endlich unter dem Schwarme der Neubekehrten verschwand. Der Zug wurde dem Auge undeutlicher. Die fernen Grasspitzen wuchsen immer höher an die Pferde der Fortziehenden hinan. Endlich ragten nur noch die schwankenden Speere am Horizonte hervor, und James stand noch immer mit untergeschlagenen Armen da, den zerrinnenden Schattenbildern nachstarrend. Das Horn der Krieger des guten Jesus rief ihn wieder zum Leben empor. Der Senator wurde so eben, auf einer bequemen, von Stauden geflochtenen Tragbahre vorüber geschafft, um von dem sanftesten Thiere getragen zu werden.
Stumm schloß sich James Justinen an, die sorglich ordnend, und ängstlich beobachtend dem Vater folgte. Der junge Mann gewahrte Thränen in Justinens Augen, und fragte bescheiden nach deren Ursache.
»Ich weine der guten Ines nach,« antwortete Müssingers Tochter; »dem Mädchen, das mich, ohne mit mir reden zu können, inniger liebte, als irgend eine Seele auf der Welt. Ich möchte fast bedauern, daß sie ihre Eltern fand, und ihnen folgte. Sie hätte sich nicht von mir getrennt. Jetzt bin ich allein, denn auch die arme Lainez fraß des Feindes Schwert, oder das Feuer!«
»Allein, beste Jungfer?« fragte James mit schonendem Vorwurf: »sind wir Ihnen nicht geblieben? werden Sie unsere freundliche Hand zurückstoßen? haben Sie noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?«
»Ach, mein guter Monsieur!« sagte Justine entgegen, — »Eurem Herzen, — ja selbst dem des Doctors — vertraue ich gern mich selbst und den Vater an. Euerm Kopfe jedoch nur ungern. Die Wüste schmiedet uns zusammen. Verargt mir's jedoch nicht, wenn ich befürchte, daß ein leichteres Verhältniß uns wieder scheide in Groll, in Meinung, in Erinnerung. Ich kann mich nicht deutlich aussprechen. Denkt jedoch an die Kette eines Sklaven, die ihn mit einem Andern verbindet, obschon sein Geist von Kette und Gefährten sich frei zu machen wünscht.«
»Das ist mir genug,« entgegnete James sehr gekränkt, und blieb weit hinter Justine zurück. Der Zug setzte sich in Bewegung, und ging langsam der Abendkühle entgegen. Im tiefsten Dunkel gelangten die Reisenden an den Fuß der Berge. Hier wurde der Kranke auf die Schultern rüstiger Träger genommen, und von vielen Harzfackeln umgeben, ging's bergan. Die Pferde flohen in die Savannen zurück. Blos die Maulthiere für Vereira, Justine und den Pater blieben bei der kletternden Schaar. Die Morgenröthe fand sie auf der Berghöhe, in romantischen Waldpfaden, die immer noch bergan führten, bis sie in eine trockne, steinigte Fläche ausgingen, ringsum von niedersteigendem Wald begrenzt, eine Schlucht ausgenommen, durch welche sich eine herrliche Fernsicht zeigte.
»He acqui el nuestro paraiso del buen Jesu en los bosques!« rief Vereira mit Löwenstimme, nach der Ferne deutend, und warf sich unter dem Schatten der letzten Bäume nieder. Die Seinigen folgten jubelnd seinem Beispiele, und der Zug rastete, damit die Sonnenhitze vorübergehen, und jedes Auge sich an dem schönen Anblick ergötzen möge.
»Das gelobte Land!« sagte Münzner zu seinem Zögling, auf das Thal deutend, das sich unter ihren Füßen ausbreitete. Es schien zur Ruhe geschaffen; ein versteckter, stiller, reizender Erdwinkel. Die Abhänge von schwellendem grünen Rasen belegt, hin und wieder nur von Felswänden unterbrochen; aber auch diese lebten, denn silberne Sturzquellen entsprudelten ihnen, umnickt und umwinkt von steinsprengenden blühenden Bäumen. Lang, schmal und halbmondförmig zog sich das Thal in die Tiefe entlang, bewässert von murmelnder Fluth, bepflanzt mit üppigen Bäumen, durchschnitten von ruhigen und in Fülle liegenden Feldern, von heitern gelben Fußpfaden, geschmückt mit zierlichen Cabanen, mit Hütten von Rasen oder Rohr erbaut. Da, wo das Thal sich krümmt, lag eine ansehnliche Gruppe von Häusern, leicht und schlank gebaut, mit schmucklosen Dächern, im Schatten von kleinen dichten Hainen hinan gehend bis zum Saume der ringsum schützenden Wälder. Eine freundliche Sonntagsruhe schien über das Thal gebreitet, die Felder unbevölkert, keine Heerde auf den Triften, kein Mensch in Feld und Flur und auf den Wegen.
»Es ist heute Feiertag,« erläuterte Vereira, »und alle unsre Greise und Weiber sammt ihren Kindern in der Kirche. Die rüstigen Männer sind alle hier unter den Waffen bei mir, und nur der Oheim mit den Schwachen hütet das Haus. Wartet nicht auf Glockenklang und Chorgesang. Beides ist nicht Sitte bei uns, damit der fern hindringende Schall nicht unser Dasein dem Feinde verrathe; denn Feind ist uns jeder Portugiese, jeder Spanier, der im Dienste seines Herrn und bewaffnet kömmt. Die Portugiesen thun in neuester Zeit dergleichen, als wollten sie wirklich das Innere ihres Landes sich eigen machen, und ihr äußerster Wachtposten la Guasta ist kaum sechs Wegstunden vom guten Jesus entfernt. Allein die schroffe, steinige Wüste, die uns gegen jene Seite hin umgibt und versteckt, wird die Weichlichen schon abhalten, ihre Entdeckungslust weit zu treiben. Wäre es auch.... wehe ihnen! Lebendig käme das Detachement nicht aus unserm Thale.«
»Aber, Herr,« fragte James verwundert; »man rühmt ja Eures Oheims Milde und die patriarchalische Gutmüthigkeit, die die Grundlage seiner Regierung ausmachen soll. Wie vereint sich das mit Eurem kriegerischen Thun und Eurem Stand?«