»Das würde sich nicht schicken, Ew. Gnaden. Ohnehin schlägt um 4 Uhr meine Stunde. Mein armer Teufel von Gesell ist ziemlich krank, und kann die Abendluft nicht vertragen. Ich muß also selbst ...«

»Die Posaune zur Hand nehmen, und tuten?« fiel der Offizier spottend ein: »Parole d'honneur! Schade um den jungen galanten Mann! Das ignoble Handwerk paßt wenig zu seinen feinen Gewohnheiten. Nicht wahr, meine Herren? nicht wahr, Madam? A revoir! Adieu!«

Er empfahl sich unter lautem Gelächter. Nach einigen Anmerkungen über den Offizier und dessen Schulden ging auch der Mäckler. Den Capitän riefen seine Geschäfte, die Wirthin die Hauswirthschaft; der Gastwirth schlief, der Doctor und Pahlens gingen zusammen auf die Straße.

»Wie habe ich mich gesehnt, einmal mit Ihnen allein zu sprechen,« begann Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll: »Seitdem Sie mein geistlicher Vater wurden, kenne ich niemand auf der Erde, vor dem ich mein Herz auszuschütten geneigter wäre.«

»Das gehört in den Beichtstuhl, mein Sohn;« erwiderte der Doctor leise.

»Nicht doch, Herr Doctor;« versetzte Pahlens: »Rathen Sie mir als Freund. Meine Lage wird mir unerträglich. Ich bin zu etwas Besserem geboren, als auf dem abscheulichen Thurme zu verblühen, und den Lutheranern zu ihrem Gottesdienste hülfreiche Hand und Lunge zu leihen. Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, daß mir in verwichener Nacht die heilige Mutter im Traume erschien, und zu mir sprach: »Mein lieber Sohn; allzulange schon verkümmerst Du im Ketzerdienste. Geh hinaus, und suche Dir ein bessers Glück. Ich und alle heiligen Engel werden dir den nöthigen Beistand leisten.« Sofort erwachte ich, und konnte nicht mehr einschlafen. Wie sehr ich jedoch grübelte, ein Mittel zu finden, die gnädigen Absichten des Himmels zu erfüllen, so stumpf blieb dennoch mein Geist. Rathen Sie mir, was soll ich thun? Als Geiger oder Lautenschläger in die Welt ziehen, oder etwa als Apostel der wahren Lehre? Das Letztere wäre mein Wunsch, allein mich fesselt hier ein Sehnen und Wähnen, ein Hangen, ein Verlangen, das vielleicht sündlich ist, weil es eine Ketzerin zum Gegenstande hat.«

»Was soll ich Euch sagen, mein Sohn?« antwortete der Doctor: »Ich will die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind allerdings möglich, und es wäre Frevel, sie zu läugnen. So wahr es ist, daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter dem preiswürdigen Loyola in Person erschienen, so läßt sich's gar wohl denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen; denn — was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das ersetzt Ihr durch gläubige Zuversicht, und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich, würde Euch sagen, daß Euer Loos kein böses ist; daß Ihr besser thätet, gerade auf Eurem einsamen Thurme sitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines Einsiedlers, zum wahren Christenthum immer mehr zu erwecken und anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetümmel umher fackelt. Er würde Euch sagen, daß Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphirend, oben sitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre Possen treiben. Ich sage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was ist's aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des Senators Müssinger zum Gegenstand?«

»Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens!« entgegnete der Geck; »Ich muß meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir in's Gericht. Mein Herz ist so weich und empfänglich, als mein Mund blöde. Durch das Auge ist das Mädchen in meine Seele gedrungen. Geredet habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht erlauben.«

»Das darf ich nicht,« entgegnete der Doctor; »Zu welchem Endzweck auch? Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator; Ihr seid Thürmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr Katholik seid, daß sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Höchsten, wie ich vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn überhaupt, Dank sei es der Fürbitte unserer hohen Patronin, unsere Gemeinde täglich im Stillen zunimmt, bis sie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das, was noch nicht ist. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein weiblich Gemüthe sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme. Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht hindern. Ihr dankt der würdigen und gottseligen Frau Lainez die Erleuchtung in Eurem frühern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüth, und vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt ist.«

Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem Doctor, der sich zur Mailbahn begab. Auf und niederschreitend überlegte er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrüßlich auf die Trommel, die von Zeit zu Zeit von der Komödienbude herüber schallte, auf das Geschrei des Lustigmachers, der vor der Thüre des Schauplatzes sein Publikum einlud; auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreißer umschwärmten. Die Mailbahn, von Spazierengehenden angefüllt, wurde leer, weil die Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doctor allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben schien. Die Frau, in bürgerlichem Kleide, näherte sich ihm schüchtern, und sagte nach einem tiefen Knix: »Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden: Ihr eifriges Beichtkind.«