»Eine schöne Sitte!« meinte der Buchhalter: »in Deutschland selbst verschwindet nach und nach die deutsche Treue und Offenheit. Wohl unsern Nachkommen, wenn sie wenigstens solche Qualitäten dann in Amerika wieder finden mögen!«
»Es ist Schade,« begann der Doctor mit einem spitzigen Lächeln: »daß Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in sich empfunden, ein Weltumsegler zu werden. Vor Ihren Ansichten und Ihrer seltenen Aufrichtigkeit hätten alle fremde Götzen weichen, alle anders Glaubende sich bekehren müssen.«
»Meine Reden sind zu harmlos, als daß sie vielleicht die feine Zurechtweisung verdienen,« erwiderte Birsher freundlich, aber ernst: »indessen muß ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldsam; ich verabscheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in diesem Punkte freier, als man es in England darf. Mit Freuden würde ich's sehen und erleben, was mein Vater einst in einer halb prophetischen Stunde voraussagte: daß einstens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem andern wohnen werde, friedlich, ungestört, wie in dem Schooße von Brüdern: wie Penn's Bruderstadt das Beispiel schon gegeben: wie bereits des Königs Duldungsakte dieses Beispiel unterstützt.«
»Diese Aeußerung wirft Ihre frühere um!« sagte der Doctor triumphirend. »Oder lieben Sie Ihre Mitmenschen alle, den katholischen Bruder ausgenommen?«
»Weil ich sagte, daß ich den Katholiken nicht liebe, sagte ich damit, daß ich ihn hasse und verwerfe?« entgegnete Birsher, warm werdend: »ich werde ihn vielleicht nicht rufen, daß er neben mir sein Haus baue: das thut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb seine Hütte an die meinige lehnt, und zu mir spricht: Bruder, wir wollen versuchen, wie wir gute Nachbarn sein mögen! so werde ich ihm antworten: gern, Bruder, laß es uns versuchen. Und fügten wir uns Beide in Güte und nachbarlicher Geduld, so würde ich ihn am Ende wohl noch lieben, herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus seinem Eigenthum jagen, und nicht von ihm begehren, daß er zu Gott bete wie ich. Allem Begehren, allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe Jeder auf der Seite, wohin ihn der Zufall, der ja auch unsere Geburt leitet, gestellt hat. Glaube Jeder, was er kann, und folge er den Gebräuchen seiner Lehre, damit die Schwachen kein Aergerniß nehmen, und die Schadenfrohen jenseits nicht triumphiren. Ich könnte dem Menschen nimmer trauen, der seine Religion verändert hat. Er hat den Rock seines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er sein Heiligstes verrieth.«
»Und nun genug, mein Herr, von solch abnormem Gespräche,« sagte der Doctor verbindlich: in der That aber erschreckt von dem bleichgewordenen, nachdenkenden Gesichte des Senators: »Ihre Grundsätze sind redlich gedacht; wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben; aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, sind Beide, — ein Kaufmann, ein Jurist — nicht berufen, solche Streitigkeiten durchzufechten. Die Damen zumal finden an unsern Reden nur Langeweile.«
»Nicht doch; wir hören gerne zu,« nahm Justine für sich und die Lainez, welche schwieg, das Wort: »eine Duldungspredigt aus Ihrem Munde, hochgeehrter Herr Birsher, müßte sich gut ausnehmen. Ich wünsche Ihnen den Sieg gegen den Herrn Doctor, obgleich derselbe schwere, uns unbekannte Waffen in den Streit führen möchte.«
»Wünschen Sie mir wirklich den Sieg, schöne Jungfrau?« fragte Birsher verbindlich, und Justinens Wangen wurden Gluthrosen vor seinem Blick: »o dann habe ich meine Sache schon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt nichts übrig, als seinen und meinen Wunsch Ihrer Entscheidung vorzulegen.«
Die Männer standen alle auf, und ergriffen die Gläser. Der Senator räusperte sich, um auf eine zierliche Weise seinen Spruch anzuheben, der der Tochter galt. Justine stand wie auf Nadeln, und wünschte eine Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfsinn und ihre Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob sich auf dem Gange ein Getöse. Eine ferne Thüre flog auf, man hörte gellendes Geschrei.