»Um Gotteswillen! der Mutter Stimme!« rief Justine erschrocken und erfreut zugleich, aus der Angst zu kommen. Sie enteilte schnell durch die Thüre. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurück. Der Senator, von Groll gegen das Betragen seiner Frau erfüllt, verweigerte es kalt, zum Beistand der Hülferufenden zu gehen. Bald brachte die Lainez die Nachricht, daß ein lebhafter Traum Frau Jacobine ihrer Sieste entrissen, und ihre Unruhe erregt. Man habe die wieder zur Besinnung Gekommene zu Bette gebracht, und Justine wollte sie nicht verlassen. Sein Beileid bezeugend, wie seine Erzählung verwünschend, die vielleicht Anlaß zu der Senatorin Zustand gegeben haben durfte, beurlaubte sich Georg Birsher, mit dem Versprechen, Morgen bei Eröffnung der versiegelten Habe seines Vaters gegenwärtig sein zu wollen. Dem Ceremoniell schicklicher Sitte zu Folge begleiteten ihn Buchhalter und Doctor nach seinem Gasthause, und ließen den Senator nachdenkend allein.

Der Drang, den Beweggrund so mancher unbegreiflichen Erscheinung in dem Benehmen seines Weibes zu erforschen, vermochte ihn, sich nach dem Schlafzimmer desselben zu begeben. Er trat leise in die dunkle Stube. Jacobine schien zu schlummern. Am Fuße ihres Bettes, den Kopf in beide Hände gestützt, saß Justine. Der Senator näherte sich der Kranken, ohne von Jemand bemerkt zu werden; er bückte sich lauschend über das Bette. Jacobine schlug die Augen auf, und fuhr mit dem Geschrei: »Alle gute Geister loben Gott den Herrn!« empor. Justine erwachte aus ihrem Nachdenken. »Der Vater, liebe Mutter!« — sagte sie sanft zu derselben.

»Weg, weg aus meinen Augen!« lautete die gellende Antwort: — »Weg! weg! willst du mich umbringen? weg, entsetzlicher Mann!«

Sie drehte den Kopf nach der Wandseite, und schwieg hochathmend. »Jacobine!« stammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte, und faßte ihre Schulter: »Weib! was hast du vor? Was soll dies Alles?«

Er mochte aber der Worte, so viele es ihm beliebte, verschwenden; umsonst.

Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen Unheilkündenden Schweigen.

»Nun so strafe dich Gott, lästerndes, nichtswürdiges Weib, daß du also mit mir verfährst!« brach er in jäher Wuth aus, und hob die Hand zu einer Mißhandlung. Justine verhinderte diese ängstlich, und bat mit Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen.

»Nun, so folge du mir; scheide von dieser Rabenmutter, die mein Leben zwecklos vergiftet!« sagte der Senator, zu sich selbst kommend, und ergriff ihre Hand. Justine zögerte. Die Senatorin erhob sich, bleich vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Justine zog unschlüssig die Hand aus der des Vaters. Mit dem bittersten Gefühle der innern Empörung sagte dieser: »wie? auch du mein Kind, bist in dieses gräuliche unbegreifliche Complott gegen mein Herz verwickelt? Ich befehle dir, mir zu folgen; — soll ich fremde Autorität anrufen, daß mir mein einziges Kind gehorsam bleibe?«

Mit erneuter Gewalt ergriff er Justinens Hand und zog sie nach der Thüre. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund, und rief ihr dann nach: »Du bist die elendeste Creatur, Justine, wenn du meine Befehle vergissest!« Justine ging nun mit dem Vater auf dessen Zimmer. Wie eine arme Sünderin stand sie vor ihm; er ruhte auf einem Lehnstuhl von den Bewegungen seines Gemüths aus, und sammelte seine Gedanken; sah die Tochter unverwandt an, seufzte, schüttelte öfters mißmuthig das Haupt, und sagte endlich mit angegriffener Stimme:

»Gott weiß, Justine, daß ich mich immer bemüht habe, ein guter Hausvater zu sein; daß ich oft mit der äußersten Anstrengung meinen Jähzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu thun, hatten sie gleich meinen Zorn verdient. Aber solch Betragen, wie es seit gestern Abend sich entwickelt, muß endlich ein Lamm in einen Wolf verkehren. Sieh, Justine, vor einer Stunde war ich noch so fröhlich! Es war mir Diverses wider Erwarten dergestalt nach Wunsch gegangen, — es hatte sich so Manches, das ich befürchtete, anders und befriedigend gestaltet und gedreht, daß ich die Welt hätte umarmen mögen, und meinen liederlichsten Schuldner die Quittung geschrieben hätte. Da erhebt sich wieder auf's Neue dieser häusliche Sturm, dessen Ursprung mir ein Räthsel ist. Auch du, Justine, bist mir Eines. Am heutigen Morgen — zu Anfang der Mittagstafel noch — das fröhliche starke Mädchen, wie sonst, bist du plötzlich ein betrübtes, finsteres geworden. Läugne nicht; ich habe helle Augen, welche sahen, daß die deinigen verweint waren, als du beim Nachtisch wieder zu uns kamst, nachdem deine blödsinnige Mutter sich vor den Gästen zum bedauerlichen Spektakel gegeben hatte. Gezwungen, unbeholfen war deine Rede, und du zwangst dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Thränen in deinen Wimpern. Sprich, Justine, woher diese Veränderung? Sei aufrichtig, mein Kind!«