Justine öffnete den Mund, aber dennoch schwieg sie kopfschüttelnd und mit gesenktem Blicke. Der Senator sprang ungeduldig auf, spielte mit seiner Tabaksdose, pfiff einige Töne des Marlborough-Lieds, und stellte sich mit hochgerötheter Stirne vor die Tochter. »Undankbares Geschöpf!« sagte er mit unterdrücktem Grimme: »Wirst du reden? Soll ich wie ein Bube um die Gnade eines Worts von dir betteln? Heraus mit der Wahrheit, verlarvte Person! Du weißt, was deine stätige Mutter im Schilde führt. Du hast auf den Grund ihres Steinherzens gesehen; du hast erfahren, was in ihrem vertrockneten Gehirne spukt; heraus damit, oder ... Gott strafe mich!...«
Er warf im Ausbruche der Wuth die porzellanene Tabatiere so stark zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Justine fuhr zusammen, faßte des Vaters rechte Hand so kräftig, als sie konnte, und sagte zu ihm, zwischen Thränen der Angst und einem plötzlichen Entschlusse schwankend: »Um's Himmelswillen! keinen Schlag, mein Vater! ich bin solcher Begegnung nicht gewohnt; Sie würden mich durch diese Entwürdigung umbringen. Ich kann die Zwischenträgerin nicht machen. Ein schimpflicher Zwang würde mich vollends nicht bewegen! Hüten Sie sich, Vater! daß Sie nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!«
»Mehr des Fluchs!« versetzte der Senator, und ließ ohnmächtig die Hände sinken; »wahr gesprochen, meine Tochter; es lastet auf mir schon genug des Unsegens. Geh' hin!«
Vor dem Bekümmerten ließ sich das gerührte Mädchen auf die Knie nieder, und redete mit gefaßten und bewegten Worten zu ihm: »Ach, wenn Sie gut und ruhig sind, mein Vater, will ich Alles thun; nur nicht ausplaudern, was die Mutter mir errathen ließ; was meine Zunge aus Ehrfurcht und Angst nicht aussprechen will. Sie sollen aber wissen, was die Mutter zuletzt so gewaltig aufregte. Ob es eine Täuschung ihrer gereizten Sinne gewesen — ob Wirklichkeit — ich weiß es nicht. Doch sie behauptet, es habe sich langsam die Thüre ihrer Kammer geöffnet, und die Erscheinung des in unserm Hause verstorbenen Birsher auf der Schwelle stehend sich gezeigt, mit trüb wankendem Haupte und drohender Geberde. Die Gestalt sei einige Augenblicke sichtbar geblieben, bis sie unter der Mutter Schreckgeschrei verschwunden.«
»O des fratzenhaften Unsinns!« versetzte der Senator, obgleich sein eigen Gesicht länger und schmäler wurde: »Gaukelspiel eines verwirrten Weiberkopfes! Und daher die Mißhandlung, die mir von der Unverbesserlichen angethan wurde!«
»Was im Uebrigen die Mutter verbittert,« fuhr Justine seufzend fort, »ich will es nicht ergründen; ich will daran nicht glauben! ich müßte ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich überlasse es Ihnen, den Zwist mit Sanftmuth zu beenden und die Eintracht wieder herbeizuführen, denn es ist nicht gut, wenn sich das Kind als Mittler zwischen die Eltern stellen muß.«
Der Senator trocknete sich kalten Schweiß von der Stirne. »So geh' hin,« sagte er ermattet. »Geh' hin, ich will nicht in dich dringen. Die Zeit mag lösen, was mir weibischer Eigensinn noch verhehlt.«
Justine wollte bekümmert weggehen.
Der Senator rief sie zurück. »Du bist meine Feindin geworden,« sagte er bitter und gekränkt; »ich verzweifle daran, deinen Starrkopf für ein Projekt zu gewinnen, in dem ich alberner Thor dein und mein Glück zu sehen vermeine. Ich hätte gewünscht, ich hatte es schon besprochen, meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben; — dich mit Herrn Georg Birsher zu verheirathen, wie es schon beschlossen war. Aber ... nun wird wohl nichts daraus werden. Die abergläubische Mama wird dir's verbieten, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine Hoffnung darauf gesetzt. Du wirst dich weigern, weil du dein Loos an Jacobine bindest. O, bewege nicht die Lippen, mir ein versagendes Nein zuzurufen. Ich lese es schon in deinem scheuen Auge. So sei es darum. Ich werde tragen, und du — gehe hin!«
»Sie täuschen sich, bester Vater,« erwiderte Justine fest und bescheiden: »Ihr Wille ist hier mein Gesetz; ich bin bereit, den Herrn zu heirathen, wenn Sie es befehlen.«