[Verteidigung und Angriff]
Was ist der Begriff der Verteidigung? Das Abwehren eines Stoßes. Was ist also ihr Merkmal? Das Abwarten dieses Stoßes. Dieses Merkmal macht jedesmal die Handlung zu einer verteidigenden, und durch dieses Merkmal allein kann im Kriege die Verteidigung vom Angriff unterschieden werden. Da aber eine absolute Verteidigung dem Begriff des Krieges völlig widerspricht, weil bei ihr nur der eine Teil Krieg führen würde, so kann auch im Kriege die Verteidigung nur relativ sein, und jenes Merkmal muß also nur auf den Gesamtbegriff angewendet, nicht auf alle Teile von ihm ausgedehnt werden. Ein einzelnes Gefecht ist verteidigend, wenn wir den Anlauf, den Sturm des Feindes abwarten. Eine Schlacht, wenn wir den Angriff, d. h. das Erscheinen vor unserer Stellung, in unserem Feuer, abwarten. Ein Feldzug, wenn wir das Betreten unseres Kriegstheaters abwarten. In allen diesen Fällen kommt dem Gesamtbegriff das Merkmal des Abwartens und Abwehrens zu, ohne daß daraus ein Widerspruch mit dem Begriff des Krieges folgt, denn wir können unsern Vorteil darin finden, den Anlauf gegen unsere Bajonette, den Angriff auf unsere Stellung und auf unser Kriegstheater abzuwarten. Da man aber, um wirklich auch seinerseits Krieg zu führen, dem Feinde seine Stöße zurückgeben muß, so geschieht dieser Akt des Angriffs im Verteidigungskriege gewissermaßen unter dem Haupttitel der Verteidigung; d. h. die Offensive, deren wir uns bedienen, fällt innerhalb der Begriffe von Stellung oder Kriegstheater. Man kann also in einem verteidigenden Feldzuge angriffsweise schlagen, in einer verteidigenden Schlacht angriffsweise seine einzelnen Korps und Divisionen gebrauchen, endlich in einer einfachen Stellung gegen den feindlichen Sturm schickt man ihm sogar noch die offensiven Kugeln entgegen. Die verteidigende Form des Kriegführens ist also kein unmittelbarer Schild, sondern ein Schild, gebildet durch geschickte Streiche.
Was ist der Zweck der Verteidigung? Erhalten. Erhalten ist leichter als gewinnen. Schon daraus folgt, daß die Verteidigung bei vorausgesetzt gleichen Mitteln leichter ist als der Angriff. Worin liegt aber die größere Leichtigkeit des Erhaltens oder Bewahrens? Darin, daß alle Zeit, die unbenutzt verstreicht, in die Wagschale des Verteidigers fällt. Er erntet, wo er nicht gesät hat. Jedes Unterlassen des Angriffs aus falscher Ansicht, aus Furcht, aus Trägheit, kommt dem Verteidiger zugute. Dieser Vorteil hat den Preußischen Staat im Siebenjährigen Kriege mehr als einmal vom Untergang gerettet.
Dieser sich aus Begriff und Zweck ergebende Vorteil der Verteidigung liegt in der Natur aller Verteidigung. Beati sunt possidentes. Ein anderer, der aus der Natur des Krieges hinzukommt, ist der Beistand der örtlichen Lage, den die Verteidigung vorzugsweise genießt.
Die Verteidigung hat einen negativen Zweck: das Erhalten; der Angriff einen positiven: das Erobern. Und da dieses die eigenen Kriegsmittel vermehrt, das Erhalten aber nicht, so muß man sagen: die verteidigende Form des Kriegführens ist an sich stärker als die angreifende.
Ist die Verteidigung eine stärkere Form des Kriegführens, die aber einen negativen Zweck hat, so folgt von selbst, daß man sich ihrer nur so lange bedienen muß, als man ihrer der Schwäche wegen bedarf, und sie verlassen muß, sobald man stark genug ist, sich den positiven Zweck vorzusetzen. Da man nun, indem man unter ihrem Beistand Sieger wird, gewöhnlich ein günstigeres Verhältnis der Kräfte herbeiführt, so ist auch der natürliche Gang im Kriege, mit der Verteidigung anzufangen und mit der Offensive zu enden. Es ist also ebensogut im Widerspruch mit dem Begriff des Krieges, den letzten Zweck die Verteidigung sein zu lassen, als es Widerspruch war, die Passivität der Verteidigung nicht bloß vom Ganzen, sondern von allen seinen Teilen zu verstehen. Mit andern Worten: ein Krieg, bei dem man seine Siege bloß zum Abwehren benutzen und gar nicht widerstoßen wollte, wäre ebenso widersinnig wie eine Schlacht, in der die absoluteste Verteidigung (Passivität) in allen Maßregeln herrschen sollte.