14.
Elisabeth fragte bestürzt:
»Aber wie ist das nur möglich? Nie hat man doch hier von so etwas gehört, am allerwenigsten in einer kleinen Privatgalerie!«
Ettore zuckte die Achseln, goß sich langsam ein Glas Rotwein ein, hielt das Glas gegen das Licht und betrachtete den Purpurschimmer des Weins so angelegentlich, als gäbe es für ihn nichts Wichtigeres auf der Welt. Er saß mit seiner Frau und seiner Mutter beim Lunch und aß mit Behagen und Grazie wie an allen andern Tagen. Elisabeth aber war blaß und erregt und konnte immer noch nicht verstehen, wie sich das Seltsame, das der Galeriediener vorhin gemeldet hatte, zugetragen haben mochte. Zwei Bilder, ein holländisches Stilleben und eine angeblich von Raffael herrührende Madonna, waren mit einem spitzen Gegenstand, vermutlich mit einem Messer beschädigt worden. Die Madonna trug einen Messerstich in ihrem blauen Mantel, auf dem Holländer waren die Silberschuppen der Fische zerkratzt, und der Hummer hatte an Stelle des Kopfes ein Loch. Wann und von wem die barbarische Tat geschehen war, blieb völlig im Unklaren, der Diener konnte nur melden, daß gestern während der Besuchszeit noch alles in Ordnung gewesen sei; erst heute früh, als er den gewohnten einsamen Rundgang durch die Galerie machte, hatte er die abscheulichen Verstümmelungen der zwei Bilder bemerkt. Elisabeth und Ettore waren natürlich sofort in die Galerie geeilt, hatten eifrig alles durchsucht, um eine Spur von dem Täter zu finden, aber es war vergeblich. Sie nahmen den Diener ins Verhör, befragten ihn inquisitorisch, ob nicht schon gestern oder gar seit einiger Zeit irgendein Individuum ihm aufgefallen sei, dem man solche Tat zutrauen könne, aber der Diener hatte an keinem etwas Auffälliges oder gar Verdächtiges bemerkt. In diesen Privatgalerien drängte sich kaum je ein großer Menschenschwarm; zweifelhafte Tagediebe, wie man sie wohl an den freien Tagen in den großen Galerien aller Städte findet, traf man in der Galerie Priuli nie an. Elisabeth sagte:
»Es ist mir ein Rätsel, ein unlösliches Rätsel.«
Ettore entgegnete:
»Das sind solche Taten immer. Erinnere Dich doch, daß im Louvre immer wieder diese Bilderverstümmelungen vorkommen, und daß man den Täter kaum je erwischt hat.«
»Ja, im Louvre mit seinen hundert Sälen, aber bei uns …«