»So, das wußt' ich gar nicht!« sagte Ettore mit einer Einfältigkeit, die sehr überzeugend klang. »Aber was kann man sonst machen? Ich habe doch gelesen, daß sie im Louvre auch ihre Bilder unter Glas bergen, und ich denke mir, was für den Louvre künstlerisch genug ist, könnte es auch für uns sein!«

So blieb denn die Galerie für etwa eine Woche gesperrt, und als sie dann dem allgemeinen Besuch wieder zugänglich war, breitete sich über jedes Bild die schützende Glasplatte. Mehr noch als aus Interesse drängten jetzt die Fremden aus Neugier herbei, denn die Attentate in der Galerie Priuli hatten natürlich großes Aufsehen hervorgerufen, und jeder wollte die zerschnittene ›Madonna‹ und das zerstörte ›Stilleben‹ sehen. Die Enttäuschung war dann groß, als sie vernahmen, daß diese beiden Bilder zu einem allerersten Künstler geschickt worden waren, der sie so gut es anging wiederherstellen sollte, und da die Sensation fehlte, der zuliebe die Menschen gekommen waren, fanden sie den Glasbezug der übrigen Gemälde erst recht störend. Besonders die ›Dogaressa‹ verlor so den größten Teil ihrer Wirkung, denn der Lichtreflex des Glases verwischte die zarten Linien des Gesichtes und verwirrte die unvergleichliche Harmonie der Farbe zu Uebergangstönen, die matt blieben, daß das berühmte Bild wie eine blasse Kopie seiner selbst wirkte. Am unzufriedensten mit der notgedrungenen Neuerung waren natürlich die zwei oder drei Maler und Malerinnen, die in der Galerie Priuli kopierten, besonders einer, der seit etlichen Tagen vor der ›Dogaressa‹ saß, schimpfte laut über den Vandalismus der Besitzer und ließ sich in seinem Ungestüm sogar verleiten, an Filippo Bestechungsversuche vorzunehmen, damit er täglich nur für eine halbe Stunde das Schutzglas von dem berühmten Gemälde entfernen sollte. Seine Kollegen in der Galerie lachten ihn natürlich aus, Filippo beantwortete all seine Anträge und Jammerrufe nur mit einer pathetischen Geste. Weil ihm der Mensch aber doch ein wenig absonderlich, wenn nicht gar närrisch vorkam, berichtete er Ettore, was der Maler verlangt habe, und so erfuhr es auch Elisabeth. Da Ettore ihr nebenhin von dem rabiaten Maler erzählte, wurde sie neugierig, diesen seltsamen Enthusiasten kennen zu lernen, und in einer Stunde, da die Galerie schon fast leer war, ging sie hinunter zu seiner Staffelei, sagte ihm, wer sie war, und begann ein Gespräch mit ihm. Lange dauerte es freilich nicht, denn der Maler, dessen Temperament sonst so wild durchging, war der Dame gegenüber ungeschickt und scheu, sprach auch den italienischen Dialekt des Südens, den Elisabeth nur schwer verstand. Zudem war ihr der Mann, der über die erste Jugend hinaus schien, vom ersten Augenblick an unsympathisch, ohne daß sie genau hätte sagen können, warum. Sein Gesicht, das früher einmal interessant gewesen sein mochte, sah verwüstet aus, und solange man zu ihm sprach, lagen die dunklen Augen wie erloschen unter den breiten, faltigen Lidern. Wandte sich aber der Sprechende von ihm weg, dann schoben sich die faltigen Lider blitzschnell zurück, und in die dunklen Augen kam ein häßlicher, scharfer Blick, der lauerte und höhnte, während ein unterwürfiges Lächeln, das einer Grimasse glich, den Mund umzog. Sein Anzug schien auf den ersten Blick eleganter, als Maler sonst zu sein pflegen, nur an Kleinigkeiten, an der aufgerauhten Kante des Hemdkragens, an der Fadenscheinigkeit der Krawatte merkte man, daß man es mit einem ärmlichen oder verkommenen Menschen zu tun hatte. Elisabeth, die ihre Antipathie bekämpfen wollte, fragte ihn freundlich:

»Nicht wahr, dieses abscheuliche Glas verdirbt einem alle Freude? Und für Sie ist es doppelt schlimm, denn Sie sehen ja kaum etwas von der Wirklichkeit Ihres Originals –«

»Sehr schlimm ist es für mich, Eccellenza!«

»Ist Ihre Kopie bestellt, oder machen Sie sie nur aufs Geratewohl zum Verkauf?«

»Nein, Eccellenza, sie ist bestellt! Ein sehr reicher Herr aus Rom hat sie bestellt, und sie soll schon in vier Wochen abgeliefert werden!«

Elisabeth trat neben ihn an die Staffelei, um zu sehen, wie er seine Kopie angelegt hatte. Sie war überrascht über die sichere Linienführung der Zeichnung und über die satte Wärme, die schon jetzt aus den Farben strahlte. Lange betrachtete sie sein Werk und sagte dann aufrichtig:

»Ich habe kaum je eine so gute Kopie der ›Dogaressa‹ gesehen! Wenn man das Original nicht daneben hält, könnte man wohl Ihr Bild dafür halten!«