Der Maler verneigte sich linkisch, wehrte das Lob mit ein paar gemurmelten Redensarten ab. Elisabeth fragte ihn, ob er ausschließlich kopiere oder auch, was sie eigentlich voraussetzte, selbstschöpferisch tätig sei. Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Nein, nicht mehr … Früher wohl, ja, da hatte man natürlich Ideale und große Rosinen im Kopf und meinte, man könnte selber ein Tizian werden! Aber man muß leben, nicht wahr? Und da fängt man denn an zu kopieren und kopiert immer weiter, weil sich das gut verkauft. Und schließlich macht man immer so weiter, wird dabei alt und grau und weiß gar nicht, daß man immerfort nur kopiert … Am Ende ist das Unglück ja auch nicht so groß, – wenn man erst in seinem Fach bekannt ist, verdient man, zeitweise wenigstens, viel Geld, und man muß leben, nicht wahr?«

Während er so sprach, tat er Elisabeth herzlich leid. Kein Zweifel, daß er einer der Unzähligen war, die voll stolzer Hoffnung ins Leben gezogen waren und nun so kläglich beim bloßen Broterwerb geendet hatten. Sie hörte ihm zu und nahm sich vor, ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren, seinem Talent nachzugehen und, sofern es Förderung verdiente, ihn in irgendeiner Weise zu unterstützen, damit er wenigstens noch einen Teil von dem erreichen konnte, was er einst geträumt und nicht sein lebelang nur wiedergeben mußte, was ein anderer, Glücklicherer, mit begnadeter Hand geschaffen hatte. Sie ließ sich seine Adresse geben, die er zögernd sagte, als schäme er sich des elenden Viertels, in dem er wohnte, fragte ihn, ob er nichts dagegen habe, wenn sie sich in Zwischenräumen nach den Fortschritten seiner Arbeit umsehe, machte ihm Hoffnung, daß die Glasverschalung vielleicht nicht für immer bliebe, und verließ ihn. Sie dachte noch ein wenig über ihn und sein gewiß nicht erfreuliches Schicksal nach, erwog, wie ihm wohl zu helfen sei, und gab sich Mühe, den unsympathischen Eindruck zu vergessen, den er zuerst auf sie gemacht hatte. Doch wie immer sie sich in seine Enttäuschung versenken, wie immer sie die Brachlegung seines Talents beklagen oder vereiteln wollte, – immer wieder stieß sie das verwüstete Gesicht mit den erloschenen Augen ab, in denen doch der höhnische Blick lauerte. Jetzt, da sie aus seinen Worten nicht mehr die Aermlichkeit und Trostlosigkeit seines Daseins vernahm, jetzt wurde der Eindruck des Widerwärtigen in ihr so stark, daß sie gar nicht mehr begriff, wie sie sich so teilnahmvoll mit ihm hatte unterhalten können, und es schien ihr unmöglich, ihn und sein Bild in der Galerie wieder aufzusuchen. Sie hatte von jeher starke Sympathien und starke Antipathien gehabt, und ihr Vater hatte stets gesagt, daß man auf diese unerklärlichen Gefühle lauschen solle, weil sie irgend etwas verkünden, was der Verstand leicht überhört. Darum tat Elisabeth auch den Widerwillen, den sie gegen den geschickten Maler empfand, nicht ohne weiteres ab, sondern dachte, daß hier vielleicht eine Spur lag, die zur Lösung der rätselhaften Bilderattentate hinführen konnte. Freilich wäre es töricht gewesen zu vermuten, daß der Maler selbst sich an jenen beiden Bildern vergriffen haben sollte, aber wer konnte sagen, ob nicht irgendein Zusammenhang zwischen ihm und den immer noch unentdeckten Attentätern bestand? Alle Nachforschungen der Polizei waren bis zum Tage vergeblich gewesen, warum also sollte man nicht einer instinktiven Regung vertrauen, da die Hilfsmittel des Gesetzes versagten? Wohl kam sich Elisabeth etwas töricht vor, daß sie einer persönlichen, durch nichts zu rechtfertigenden Empfindung so viel Wert beimaß, aber sie sprach dennoch zu Ettore davon und meinte.

»Sage doch Filippo, daß er gerade jetzt auf die Leute, die zum Kopieren herumsitzen, besonders achtgibt.«

Ettore schien aber heute schlecht gelaunt und darum nicht geneigt, auf das Gespräch weiter einzugehen.

»Ach, Filippo, was soll Filippo machen, wenn selbst die Polizei zu dumm ist, um solche Sachen zu verhindern? Ich kann ihn nicht als Schildwache neben jeden Kleckser hinstellen!«

»O, ein Kleckser ist der Mann, der jetzt die ›Dogaressa‹ kopiert, gewiß nicht, er kann sogar, glaub' ich, sehr viel –«

»Also, was willst Du denn dann? Wenn er was kann, wird er vermutlich Besseres zu tun haben, als Bubenstreiche zu verüben!«

»Das sollte man wohl denken! Aber ich kann mir nicht helfen, er hat mir einen so widerwärtigen, um nicht zu sagen, unheimlichen Eindruck gemacht –«