Ettore stieß ein lautes, ärgerliches Gelächter aus.
»Hör' mir bloß auf mit Deiner Empfindsamkeit und Deinen Ahnungen. Dabei ist noch nie etwas Gescheites herausgekommen! Hättest Du doch lieber etwas geahnt, ehe die Sache passierte! Menschen hinterher zu verdächtigen, hat gar keinen Wert!«
»Ich verdächtige ihn ja gar nicht, ich sage nur, daß ich einen abstoßenden Eindruck von ihm empfangen habe. Und nach dem, was vorgefallen ist, sollte man, scheint mir, gar keine Vorsicht außer acht lassen, auch die nicht, die uns ein unbestimmtes Gefühl eingibt!«
»Gefühl hin, Gefühl her, darauf geb' ich nichts! Etwas anderes ist's, ob man nicht künftighin überhaupt die Erlaubnis zum Kopieren verweigert. Ich glaube beinahe, es ist das gescheiteste, wir lassen die paar, die jetzt noch in der Galerie arbeiten, ihre Bilder fertigmachen, lassen neue aber nicht mehr zu! Eine Garantie für die Sicherheit der Galerie haben wir damit freilich auch noch nicht, aber je weniger fremde Leute hereinkommen, um so besser! Und dann wird auch Deinen Gefühlen und Ahnungen mit dieser Maßregel reichlich Rechnung getragen, was Du hoffentlich in Gnaden anerkennst!«
Ettore hatte zum Schluß sehr liebenswürdig, beinahe galant gesprochen, so als ob sein unwirsches Wesen von vorhin ihn reute. Elisabeth, an Freundlichkeit von ihm kaum mehr gewöhnt, war überrascht und konnte den Gedanken nicht loswerden, daß er irgendeinen Zweck mit dieser plötzlichen Liebenswürdigkeit verband. – –
Einige Wochen waren vergangen. Die Nachforschungen der Polizei hatten noch immer kein Resultat ergeben, und darum war wohl auch fernerhin keines zu erwarten. Der Vorfall in der Galerie Priuli trat in den Hintergrund vor anderen Tagesereignissen, welche Gemüter und Zungen beschäftigten, und trotz aller Lamenti hatte sich schon jeder an die Glasverschalungen der Gemälde gewöhnt. Der Maler, der die ›Dogaressa‹ kopiert hatte, kam nicht mehr, weil er seine Arbeit beendet hatte, und neuen Anmeldungen gegenüber verhielt sich Ettore so ablehnend, daß zurzeit niemand in der Galerie saß. Er pflegte jetzt selbst jede Nacht, ehe er zu Bett ging, einen Rundgang durch die Galerie zu machen, inspizierte alles genau, prüfte Riegel, Schlösser, Fenster und Türen, und erst, wenn er alles in tadelloser Ordnung und Sicherheit gefunden hatte, entfernte er sich durch einen kleinen, von einem Gobelin maskierten Ausgang, der auf ein Vorzimmer in der Wohnung seiner Mutter mündete, und dessen Schlüssel er stets bei sich trug. – –
Elisabeth saß in ihrem Zimmer bei der Arbeitslampe und hielt ein Buch auf den Knien, in dem sie bis jetzt gelesen hatte. Es war kein Roman, in dem nur von Liebe geredet und gefaselt wurde, sondern eine ernsthafte, fesselnde Neuerscheinung, die ein junger Venezianer geschrieben und »Geschichte des Handels der Republik Venedig« betitelt hatte. Auf der Grundlage historischer Tatsachen und statistischer Ziffern zeigte er, wie die Handelsmacht der Lagunenstadt zuerst mächtig emporgeschossen, dann immer tiefer gesunken war, und das Buch schloß mit einem temperamentvollen Aufruf an Venedig, daß es seiner alten Kaufherrntradition noch viel intensiver folgen müsse, als es in den letzten Jahren getan hatte. Kein anderes Ziel dürfe es vor Augen haben, als wiederum einer der größten Stapelplätze zu werden und im friedlichen Wettstreit mit anderen Handelsvölkern den alten Namen neu zu vergolden. Carlo hatte ihr neulich einmal von diesem Buch gesprochen, hatte gesagt, daß er es ihr schicken wollte, und als sie heute vom Tee bei der Fürstin Tassini heimkehrte, lag es da und rief sie zu sich her. Der Gegensatz zwischen der Atmosphäre, die um die Fürstin wob, und dem Geist, der aus diesem Buch sprach, war groß und es schien nur natürlich, daß Elisabeth, die hier schon so viel gelitten hatte, dieser Stadt keine Zukunft mehr gönnen wollte und lieber auf die Fürstin hörte, die stets nur mit Hohn von dem verlogenen Gauklergesicht sprach. Weil es Elisabeth wohltat, diese Stadt zu schmähen und schmähen zu hören, flüchtete sie von Carlos Einfluß immer wieder zur Fürstin hin, die sie viel öfter sah als ihn, der eben durch Unterhandlungen mit einer großen Privatreederei sehr in Anspruch genommen und überdies vorsichtig gegen andere und gegen sich selbst war. Freilich hatte er die Jahre hinter sich, in denen sich ein Mann seiner Art blind und willenlos verliebt, aber er spürte doch, daß die blonde, vernachlässigte Frau seines Vetters ihm lieber zu werden begann, als er verantworten konnte, und darum gab er sich nicht nach und sah Elisabeth nicht oft. Er wollte sie nicht grundlosem Gerede aussetzen, und ebensowenig wäre es sein Geschmack gewesen, mit ihr zusammen genannt und belächelt zu werden, wie er es bei unzähligen Liebespaaren rundum sah … So blieb denn Elisabeth mehr dem Einfluß der Fürstin als dem seinen überlassen, und nur an besonderen Tagen, so wie heute, kreuzten sich diese beiden Einflüsse, indem Elisabeth noch warm vom Gespräch und Disput mit der Fürstin zu dem Buch griff, das Carlos Ideen aussprach.
Sie saß da, sann nach und merkte nicht, wie die Stunden immer tiefer in die Nacht hineinschritten. So behaglich und still lag das Zimmer im abgedämpften Licht der Arbeitslampe, daß Elisabeth sich nicht entschließen konnte, aufzustehen und es zu verlassen, obschon sie an ihrer Müdigkeit fühlte, daß es spät sein mußte. Sie hatte das Buch beiseitegelegt, verschränkte die Arme im Nacken und spann sich so tief in dämmernde Träumereien ein, daß sie in die leichte Bewußtlosigteit versank, die dem Schlaf vorangeht. Wie sie dann wieder zu sich kam, meinte sie, es müsse lange Zeit vergangen sein, denn sie fröstelte ein wenig und war hell wach. So hell wach, daß sie die Behaglichkeit des Gemachs nicht mehr spürte, sondern plötzlich merkte, daß die Nacht mit ihren tausend rätselhaften Stimmen und unheimlichen Geräuschen, die alle im Klopfen des eigenen Herzens ersterben, sie umgab. Etwas wie die Gespensterfurcht der Kinderjahre wollte über sie kommen; da mußte sie über sich selber lächeln, ging zum Fenster und öffnete es weit, damit die Nachtluft ihr den übermüdeten Kopf klar machen sollte. Sie lehnte sich hinaus und trank die Luft ein, die weich und köstlich war, denn draußen fiel ein ganz feiner Regen, der jetzt, da er den Unrat der Kanäle und der Gassenwinkel noch nicht faulig zersetzte, wie eine erfrischende Sprühflut vom Himmel niederglitt. Elisabeth stand, blickte hinaus auf den kleinen Brückenbogen, der die Calle überspannte, auf die schmalen Randsteine, die längs der Häuser hinliefen, und unwillkürlich fiel ihr eine andere Nacht ein, in der sie ebenso gestanden hatte, die Nacht, die Eleonorens Hochzeit voranging. So unverändert schien äußerlich alles seit damals, so gleichartig war die ganze Szenerie, daß Elisabeth meinte, in der nächsten Minute müsse um die Ecke eine Gestalt im schwarzen Schleiertuch daherhuschen und über die Brücke weg um den Palazzo herum das Hinterpförtchen suchen … Doch alles blieb still und leer, der Regen, so fein er war, scheuchte die Menschen in die Häuser zurück, so daß nicht einmal ein lockerer Nachtvogel ausflog, um sein bißchen Futter zu suchen. Alles still und leer, – oder nein, nicht alles, denn Elisabeth war's, als höre sie von irgendwoher ein leises, unbestimmtes Geräusch. Sie wußte im Augenblick nicht, wie sie es hätte nennen sollen und woher es kam, aber ihr Ohr vernahm etwas, das verkündete, daß in diesem Winkel noch nicht alles zur Ruhe gegangen war. Sie horchte schärfer auf, da holte aber der Uhrmann auf dem Glockenturm weit aus, und die Schläge, die er klingend niederfallen ließ, sagten die erste Morgenstunde an und übertönten jeden anderen Laut. Elisabeth schloß das Fenster wieder. Es war wirklich töricht, hier zu stehen, um angstvoll zu erlauschen, was draußen in irgendeinem Winkel oder einem Gäßchen vorging. Denn nur von draußen her konnte das unbestimmte Geräusch gekommen sein, jetzt, da das Fenster geschlossen war, blieb alles wieder totenstill. Sie ging noch ein paarmal im Zimmer hin und her, spannte ihr Ohr zu größter Wachsamkeit an. Nichts, gar nichts. Nun räumte sie ihr Buch beiseite, verlöschte gelassen die Arbeitslampe und schickte sich an, nach ihrem Schlafzimmer zu gehen. Da, als sie die Tür geöffnet hatte, vernahm sie wieder das leise, unbestimmte Geräusch. Sie blieb atemlos auf der Schwelle unter der geöffneten Tür stehen, drehte schnell das Licht aus, so daß alles rundum im Dunkel lag, und horchte mit vorgestrecktem Kopf in der Richtung, aus der das Geräusch kam. Was es war, konnte sie immer noch nicht deutlich unterscheiden. Mitunter war es wie ganz vorsichtige, leise Schritte, mitunter wie ein Flüstern, mitunter ein leises Kratzen und Scharren, als ob irgendwo ein Hund Einlaß begehrte oder in weiter Ferne ein Arbeitsmann mit seinen Geräten hantierte. Einen Augenblick noch blieb sie in Zweifel, dann wußte sie, daß es aus dem untern Stockwerk kam, wo die Wohnung der alten Gräfin lag und die Galerie. Wie sie das erkannte, klopfte ihr Herz so stark und voll Angst, daß sie in der Dunkelheit Lichtringe tanzen sah und sich gegen die Wand lehnen mußte, weil sie fürchtete zu stürzen vor Schreck und Erregung. Das dauerte ein paar Sekunden, dann war sie wieder ruhig und überlegte blitzschnell, was zu tun sei. Am einfachsten wäre es wohl gewesen, die Dienerschaft zu wecken, aber zu dieser Stunde lagen schon alle in tiefem Schlaf, und bis es gelang, sie wachzurütteln, konnte, nein, mußte der Uebeltäter in der Galerie längst durchs Fenster entflohen sein … Es war freilich nur eine Voraussetzung, daß irgendein Mensch sich in die Galerie eingeschlichen haben könnte, eine Voraussetzung, die Elisabeth jetzt abwies, weil sie mit einemmal nichts mehr vernahm und ihr auch einfiel, daß der Urheber all ihrer Angst wohl ganz einfach Ettore war, der bei seiner Heimkehr vom Klub seinen Rundgang durch die Galerie machte und schon im nächsten Augenblick nach seinem Zimmer gehen würde. So wahrscheinlich kam ihr das vor, daß sie selbst nicht begriff, wie ihre Phantasie vorhin sich so unnütz erregt und verirrt hatte. Wäre ein Missetäter unten im Haus, so müßte ihn doch die alte Gräfin hören oder deren alte Bedienerin, denn die Wohnung der Gräfin stieß ja unmittelbar an die Galerie, und obendrein klagten die beiden Frauen beständig über Schlaflosigkeit. Um sich von der eigenen Torheit fester zu überzeugen, drehte Elisabeth das Licht wieder auf, ging über die Treppe hinab durch das dunkle Vorzimmer, das zwischen der Wohnung der alten Gräfin und der Galerie lag. Hier aber ließ sich das Geräusch wieder deutlicher vernehmen, und Elisabeth fühlte, ohne daß sie's sah, daß ein Mensch in der Galerie war. Sie hastete nach der Tür, deren Schlüssel Ettore stets bei sich trug, fand sie verschlossen, merkte aber, daß der Schlüssel innen steckte. Da wurde sie abermals ruhig, dachte nicht anders, als daß ihr Mann drinnen sei, klopfte und rief seinen Namen. Niemand antwortete. Sie wartete ein wenig, klopfte nochmals und stärker, rief lauter:
»Ettore, Ettore, mach' doch auf!«
Wieder kam keine Antwort, aber hinter der verschlossenen Tür wisperte verhaltenes Flüstern … dann ein jähes, lauschendes Verstummen. Die Angst vor und die Angst hinter der Tür war so lastend, daß sie sich gleich einem Ungeheuer über Elisabeth beugte, sie tun hieß, was sinnlos schien und vielleicht gefährlich obendrein. Sie faßte die Türklinke mit beiden Händen, rüttelte sie heftig und schrie: