Da drängte sie ihn, ehe er's hindern konnte, beiseite, schlüpfte hinein und lief ihm voran durch den dunklen, ersten Saal nach dem zweiten, in dem die ›Dogaressa‹ hing, und der hinter geschlossenen Fensterläden und ängstlich vorgezogenen Damastportieren hell erleuchtet lag. Wie sie sah, was sich hier vollzog, blieb sie einen Augenblick wie gelähmt vor Schreck stehen –

Vor dem Platz, wo die ›Dogaressa‹ sonst gehangen hatte, stand eine Staffelei; ein dunklerer Fleck auf der Wand bezeichnete genau den Raum, den das berühmte Gemälde bedeckt hatte. Jetzt lag es auf dem Boden neben der Staffelei, auf deren unterster Stufe der verkommene Maler hockte, den Elisabeth schon kannte. Er war damit beschäftigt, das Bild aus dem Rahmen zu nehmen, zog eben mit einer Beißzange die Nägel heraus, welche die Leinwand auf dem Spannrahmen festhielten. Neben ihm lagen Hammer, Stemmeisen, Zwicknägel und noch verschiedene Dinge, wie man sie zur Rahmung benötigt, zwei Schritte davon stand die Kopie, die angeblich für den reichen Herrn aus Rom gefertigt worden war, und die dem Original so täuschend ähnlich sah, daß man sie, wenn erst das spiegelnde Glas über ihr lag, wohl kaum von jenem unterscheiden konnte.

Der Maler ließ sich durch Elisabeths Erscheinung nicht in seiner Arbeit beirren. Er hatte sein schönes Geld für die Kopie bereits in der Tasche, nahm die Auswechslung der Bilder im Auftrag des Grafen Priuli vor und kümmerte sich nicht um den Zweck, welchen dieser verfolgte, wenn er ihn sich natürlich auch ungefähr denken konnte. Er hatte schon öfters solch zweifelhafte und glänzend bezahlte Aufträge gehabt und hütete sich wohl, mehr zu wissen, als für ihn gut sein konnte. So zog er ruhig mit der Zange einen Nagel nach dem andern heraus, während Ettore bebend vor Erregung zu Elisabeth trat und atemlos, bald bittend, bald drohend auf sie einredete.

»Zwei Millionen gibt mir die Amerikanerin für das Bild! Bedenke, was das heißt, zwei Millionen! Damit sind wir alle gerettet, mit den zwei Millionen kaufe ich uns allen die Ruhe, das Glück und die Freiheit! Mit den zwei Millionen können wir unsere Ehe lösen lassen, in der doch keines von uns glücklich ist, und wir können heiraten, wie wir wollen. Siehst Du, Lisa, ich weiß ja schon lange, daß Du Dir gar nichts mehr aus mir machst, und daß Dir Carlo viel besser gefällt … Ich mach' Dir gar keinen Vorwurf daraus, mein Gott, man täuscht sich in den eigenen Gefühlen! Aber das alles kann gut werden, wenn wir die zwei Millionen bekommen! Dann gehen wir als gute Freunde auseinander, ich zahle Dir alles zurück, was ich von Deinem Vermögen verbraucht habe, und alles ist, als ob's nie gewesen wäre. Nicht wahr, das ist doch mehr wert, als das Bild da, und es ist doch ganz gleichgültig, ob so ein Bild hier hängt oder in Amerika –«

Elisabeth hörte ihn wohl, aber sie faßte den Sinn seiner Worte nicht. Nur eins faßte sie: er wollte die ›Dogaressa‹ verschachern und heimlich verschleppen, wie ein Mädchenhändler seine Ware verschleppt, und da wußte sie, daß das nie, gar nie geschehen durfte. Sie sagte ohne Atem und ohne Ton: »Wenn Du Geld brauchst, nimm alles, was ich auf der Bank habe! Aber das Bild bleibt hier!«

Da warf er ihr lang verschwiegene, abscheuliche Bekenntnisse ins Gesicht. Seit langer Zeit schon befand er sich in den Händen von Wucherern, die ihm gegen sechzig und siebzig Prozent Geld vorstreckten für Eleonore, für das Spiel, für Mädchen …

Elisabeth hörte ihn so undeutlich, als spräche er aus weiter Ferne, und sagte wieder nur:

»Und wenn der letzte Heller draufgehen soll, das Bild bleibt hier!«

Nun wurde er ungeduldig, schrie sie an: