»Was soll ich Dir denn erzählen, Kind? Du sollst Dich noch gar nicht aufregen –«
Sie sah ihn mit ihren großen, ernsten Augen an:
»Ich rege mich gar nicht auf. Ich möchte nur wissen, wie das alles gekommen ist … Ich erinnere mich an alles wohl, aber so undeutlich, so verschwommen. Es regt mich viel mehr auf, wenn ich mich besinne und mir alles erst im Kopf zusammensuchen muß.«
Da erzählte der Oberst kurz und vorsichtig, was er wußte. In jener verhängnisvollen Nacht war ein Diener, der heimlich ausgestiegen, just um die Zeit nach Hause zurückgekehrt, als Elisabeth nach der Galerie lief. Gleich als er das Hinterpförtchen hinter sich geschlossen hatte, war's ihm vorgekommen, als ob in der Galerie etwas Verdächtiges vorginge, und er hatte einige Minuten ganz still gelauscht, ob es wirklich so sei, oder ob er sich täusche. Dann hatte er Stimmen gehört, Streitworte, die immer lauter und heftiger wurden, so daß er ins oberste Geschoß rannte, um die übrige Dienerschaft zu wecken, weil er sich's doch nicht zutraute, ganz allein mit mehreren Uebeltätern fertig zu werden. Wie sie dann zu dreien oder vieren zurückkamen, hörten sie einen dumpfen Fall, und als sie in die Galerie eindrangen, sahen sie die Gräfin blutüberströmt daliegen und den Grafen mit fahlem, verstörtem Gesicht um sie bemüht. Im Hauptsaal aber, da, wo die ›Dogaressa‹ hing, riß eben ein verdächtig aussehendes Individuum Vorhänge und Fensterladen zurück und stieß das Fenster auf, mit dem Blick messend, ob es wohl gelingen könnte, das aufgerollte Bild geschickt hinunterzuwerfen, so daß es auf die Randsteine und nicht ins Wasser fiel, und ihm dann nachzuspringen. Es gelang den Dienern wohl, ihm das Bild zu entreißen, er selbst aber entwand sich mit fast unbegreiflicher Geschicklichkeit ihren Händen, stieg aufs Fenstersims, sprang so zielsicher hinaus, daß er wirklich die Calle vermied, im Eilschritt die kleine Brücke gewann und in ein paar Atemzügen um die nächste Ecke verschwunden war.
Elisabeth hörte gespannt zu. Was der Vater da erzählte, schloß sich mit ihrer eigenen Erinnerung zu einem Bilde zusammen. Sie blieb eine Weile stumm, fragte dann:
»Hängt nun das Bild, das echte Bild, wieder an seinem alten Platz?«
»Aber natürlich, ich sagte Dir ja, daß man es dem Kerl wieder abgejagt hat. Es ist nur schade, daß er selber entwischt ist!«
Elisabeth blieb still. Sie fragte nicht nach Ettore, den sie niemals in ihrem Krankenzimmer gesehen hatte. Nur die alte Gräfin war zu Anfang etliche Male gekommen, verweint und ängstlich, als fühle sie, daß die Priuli nicht in dies Zimmer gehörten. Elisabeth war damals noch ohne Bewußtsein gewesen, und der Oberst hatte die alte Frau so kalt empfangen, daß sie nicht wieder aus ihrer Wohnung heraufstieg.
Solange Elisabeth krank lag, hatte sich die Fürstin Tassini täglich nach ihrem Befinden erkundigen lassen und die prächtigsten Blumen für das Krankenzimmer geschickt. Nun aber, da Elisabeth wieder einzelne Besuche empfangen durfte, nun blieb jede Botschaft aus dem Palazzo Tassini aus, und Elisabeth erwartete vergebens die Frau, mit der sie doch seit langer Zeit jede Woche beim Tee gesessen war. Als sie sich dann telephonisch erkundigen ließ, ob die Fürstin etwa krank sei, erhielt sie den Bescheid, daß die Fürstin in der Abreise begriffen sei, aber jedenfalls der Frau Gräfin noch persönlich Lebewohl sagen werde. Die Fürstin kam aber nicht, denn auch bei den Tassinis hatte es eine Katastrophe gegeben, wenn auch in anderer Art als im Hause Priuli.