Der älteste Sohn, Luigi, der dank seinem väterlichen Namen und seinem mütterlichen Reichtum in der englischen Hocharistokratie fast wie ein eingeborner Lord betrachtet wurde, war mit etlichen anderen jungen Männern der vornehmsten Kreise in eine häßliche Weibergeschichte verwickelt worden, die zu einem gesellschaftlichen Skandal zu werden drohte. Die jungen Engländer, die wohl wußten, daß alles erlaubt war, sofern kein Mensch es beweisen konnte, beherrschten alsbald die peinliche Situation, füllten alle Erpresserhände, alle schmutzigen Mäuler, die mit Enthüllungen drohten, mit Gold, so daß sie mit heiler Haut davonkamen und mit blanker Stirn wieder im Klub und in den Salons der Ladies erschienen. In Luigi Tassini aber wachte der Italiener auf, der in seiner primitiven Offenheit von den Verzwicktheiten englischer Sitten nichts begriff und den das schöne Geld reute, das er an all die dunkeln Existenzen wegwerfen sollte. Er begann zu feilschen, zu knickern, drohte mit den Gerichten, wollte mächtige Freunde anrufen, die ihn vor der Ausbeutung durch all diese verrufenen, verlorenen Existenzen sichern sollten. Er erreichte natürlich nur, daß der ganze Skandal einzig und allein an seinem Namen hängen blieb und daß sich die Türen aller Salons vor ihm schlossen, und selbst die jungen Männer, die zwar nicht besser, aber gewitzter gewesen als er, sahen über ihn weg, wenn sie ihn beim Morgenritt in Rotten Row trafen. Es blieb ihm nichts übrig, als ziemlich unvermittelt heimzureisen, und wenige Tage später trafen auch die jüngeren Brüder ein, denn auch in Eton war kein Platz für einen Namen, auf den die Schmutztropfen eines gesellschaftlichen Skandals gespritzt waren.

Die Fürstin war empört, als sie vernahm, was sich der Aelteste hatte zuschulden kommen lassen, und ihre Empörung wuchs, als sie merkte, daß die drei Söhne durchaus nicht zerknirscht waren, sondern sich schnell und gern in das elegante Nichtstuerleben ihrer Kreise einlebten. Mit verständnislosem Schrecken sah sie, daß es ihr nicht gelungen war, das schlechte Blut der Tassinis neu zu bilden, sah, daß die Söhne ihr nur äußerlich glichen, in ihrem Innern aber trotz alles englischen Firnisses die echten Söhne ihres Vaters geworden waren. Seit der englische Cant Luigi aus London vertrieben hatte, war ihre demütige Bewunderung für das englische Wesen dahin und der unbändige Hochmut ihrer alten Rasse wachte wieder in ihnen auf, so daß sie ihrer Mutter gerne auseinandersetzten, daß der Name Tassini schon zu einer Zeit im goldenen Buch gestanden habe, als die Vorfahren sämtlicher Lords noch nichts anderes gewesen seien als Fischer oder Seeräuber. Wenn sie unter sich allein waren, betonten sie nicht ungern, daß die bürgerliche Engländerin ihnen den ganzen Stammbaum verdorben hätte, und all ihre Liebe ging zum Fürsten hin, der von ihrer Art war und von ihrer Mutter unterdrückt wurde. So hatte sich das Kräfteverhältnis im Hause Tassini scheinbar völlig verschoben. Auf der einen Seite stand die Fürstin völlig allein, auf der anderen der Fürst mit den jungen Söhnen, die nichts anderes begehrten, als dem Vater zu gleichen und ihn zu stützen. Aber ach! der Reichtum des Hauses ruhte ja ausschließlich in den Händen der Frau, und darum mußte aller Hochmut, alles Rassenbewußtsein schweigen, sobald einer der fürstlichen Herren Geld brauchte …

Die Fürstin blieb nach außen hin unbeweglich und steifnackig, wie sie es immer gewesen, aber ihr Herz war von einem Streich getroffen, von dem es sich nie mehr erholen sollte. Sie sah jetzt, daß ihre ganze Lebensrechnung falsch gewesen war, daß diese drei Söhne niemals, wie sie es seit Jahrzehnten geträumt hatte, Werkzeuge der Rache sein würden. Sie waren und blieben Tassinis, würden Lakaien der Mutter sein, wie der Fürst stets der Lakai seiner Frau gewesen war, – nichts weiter. Gemeinsam mit ihrem Vater würden sie versuchen, das Geld zu vertun, das der englische Großvater aufgehäuft hatte, und wenn sie später einmal heirateten, würden ihre Ehen nicht anders sein als die ihres Vaters geworden war …

Wie die Fürstin dies alles überdachte, überkam sie ein grenzenloser Ekel. Sie ließ ihre Koffer packen, wollte nach ihrer Heimat reisen, besann sich aber noch zur rechten Zeit mit bitterem Lächeln, daß nach der Katastrophe mit Luigi der Name Tassini zunächst in London besser nicht mehr genannt wurde. So fuhr sie für unbestimmte Zeit an die Riviera, zerfallen mit sich und der Welt, und wußte nicht, ob sie jemals nach Venedig zurückkehren oder schließlich doch wieder in England landen würde. Niemand weinte ihr nach, am wenigsten die Söhne, die sie zwar respektvoll auf das Schiff geleitet hatten, sich aber wie von einem Alb befreit dünkten, als sie das hochmütige, wie von Leid zersägte Gesicht der Mutter nicht mehr sahen. Nun waren sie allein mit ihrem fröhlichen Vater, nun konnten sie leben, wie es ihnen allen gefiel und wie es dem Hause Tassini zukam! –

Auf Umwegen erfuhr Elisabeth die äußeren Geschehnisse im Hause Tassini, und was die Fürstin empfand und litt, konnte sie sich leicht ausdenken. Deutlich stand der erste Nachmittag wieder vor ihr, an dem sie in den Palazzo Tassini gekommen war, und mancher folgende, an denen sie und die Fürstin durch Symbole, die nur ihnen beiden verständlich gewesen, von ihren Schmerzen und ihren Enttäuschungen gesprochen hatten. Es fiel ihr wieder ein, wie klein sie sich neben der Fürstin vorgekommen war, weil sie, statt über die Jahre hinweg zu hassen, immer noch auf eine Stimme der Liebe gewartet hatte. Wie sich ihr dann für flüchtige Augenblicke an Carlos Seite Venedigs drittes Gesicht entschleiert hatte, an das die Fürstin nicht glauben wollte … Eine leise Trauer befiel Elisabeth, als sie dieser Frau gedachte, die sich ihr stets gleichmäßig freundlich, wenn auch gleichmäßig kühl erwiesen hatte, und sie wußte, daß sie der Nachmittage im Palazzo Tassini noch lange gedenken würde. In die leise Trauer mischte sich die bange Frage, ob nicht Elisabeth Priuli wie als Frau, so auch als Mutter dereinst das Schicksal der Fürstin Tassini teilen mußte?! –

Als Elisabeth zum erstenmal wieder in einem Lehnstuhl am Fenster sitzen konnte, ließ sie sich die Post bringen, die während ihrer Krankheit für sie eingelaufen war. Unter allerlei Briefen, Kreuzbandsendungen und Geschäftsanzeigen fand sie auch mehrere Briefe, die Ettores Handschrift zeigten, und von denen die älteren den Poststempel Roma, die neueren Pisa zeigten. Elisabeth legte sie uneröffnet beiseite. Sie wollte sich die Stille ihres Rekonvaleszentenglücks nicht durch Widerwärtigkeiten verscheuchen lassen.

Carlo Priuli kam und war bewegt, obwohl er sich's nicht merken lassen wollte.

»Lisa, Du törichte Frau, was machst Du für phantastische Geschichten? War's das Bild wirklich wert, daß Du Dein Leben daransetzen wolltest?«

Elisabeth lächelte ein wenig.

»Ist ein Menschenleben wirklich gar so viel wert?«