Ettore Priuli war nach Rom abgereist. Zwei Tage lang hatte er versucht, in Venedig den Unbefangenen zu spielen, hatte auch den Freunden gegenüber die Fabel behaupten wollen, die er rasch erfand, als die Diener in die Galerie eindrangen: ein Bilderdieb, zweifellos derselbe, der schon vor einiger Zeit zwei Gemälde beschädigt, hatte versucht, die ›Dogaressa‹ zu stehlen, war von der armen Gräfin überrascht worden, hatte sie zu Boden geschlagen und dann eilig die Flucht ergriffen. Er erzählte diese Geschichte ganz überzeugend mit der Miene des bekümmerten Gatten, aber länger als zwei Tage ließ sie sich nicht halten, weil dann in den Zeitungen, im Klub, überall wo er hinkam, die Wahrheit durchzusickern begann. Da hielt er es für besser, dem Gerede aus dem Weg zu gehen, und da er im Hotel Danieli erfuhr, daß die Herzogin von Bressières Venedig plötzlich verlassen habe und nach Rom gegangen sei, schien es ihm gut und unterhaltend, ihr zu folgen. Er war froh, als er Venedig im Rücken hatte, und freute sich auf die römischen Tage. Bis er zurückkehrte, war Elisabeth jedenfalls wiederhergestellt, die peinliche Geschichte schon halb vergessen, und was weiter werden sollte, kümmerte ihn im Augenblick nicht. L'Italia farà da sè!

Elegant und heiter, mit seinem scharmanten Lächeln schlenderte er ins Hotel Quirinal, wo Maud sich schon behaglich eingerichtet hatte, und ließ sich bei ihr melden. Sie empfing ihn sehr ungnädig, denn sie war wütend auf ihn, weil sie nun nicht zu dem Bilde kam und obendrein noch wegen des Zeitungsklatsches Venedig plötzlich hatte verlassen müssen. Er trat ihr mit lebhafter Freude entgegen, wollte ihr die Hand küssen, sie verschränkte aber die Arme unter der Brust und sagte von oben herab:

»Nun, Conte Priuli, Sie haben mich in eine hübsche Situation gebracht!«

»Ich bin untröstlich, teure Maud, das dürfen Sie mir glauben! Aber was kann ich machen, wenn meine Frau wie eine Rasende dazwischenfährt und mir alles verdirbt? Alles war so tadellos bis aufs letzte Tüpfelchen berechnet.«

»Jawohl, und alles hat bis aufs letzte Tüpfelchen falliert!« sagte sie ironisch. Und mit einer jäh aufspringenden Brutalität, in der sich das wahre Wesen dieser Frau offenbarte: »Kommen Sie mir nicht mit Ihren albernen Redensarten! Ihre Frau hat mit der Sache gar nichts zu tun; einzig und allein Ihre Ungeschicklichkeit ist an allem schuld. Wissen Sie, einem klugen Geschäftsmann falliert eine solche Sache nicht, selbst wenn zehn rasende Frauen dazwischenkämen! Sie sind aber gar kein Geschäftsmann, sondern bloß ein italienischer Aristokrat, der Geld haben will.«

»Maud, hüten Sie Ihre Zunge, oder ich weiß nicht, was geschieht!«

Sie sah ihn herausfordernd und böse an.

»Wollen Sie mich vielleicht auch niederschlagen wie Ihre Frau? Sie haben ja offenbar Uebung in solchen Liebenswürdigkeiten! Ich glaube, es ist besser, wenn ich mich entferne.«

Sie ließ ihn stehen und verschwand im Nebenzimmer.

Ettore blieb noch etliche Tage planlos in Rom, spielte im Klub mit Glück, glaubte immer noch, daß Maud von Reue erfaßt werden und ihn zurückrufen würde, gab aber die Hoffnung auf, als er sie bei dem Korso auf dem Pincio schon im eifrigen Flirt mit zwei Fürsten aus ebenso alten wie verschuldeten römischen Häusern sah. So verließ er denn die Hauptstadt und fuhr nach Pisa, wo er Eleonore verweint und verzweifelt fand, weil sie jeden Tag die Einberufung ihres Liebsten nach Tripolis fürchtete. In Pisa fand dann der Graf Ettore Priuli ein gewaltsames und unrühmliches Ende. Ein Wortwechsel mit dem Ausbeuter seiner Schwester ging in ein wüstes Handgemenge über, in dem der Leutnant unversehens ein Stilett hervorzog und es dem Gegner mit solcher Geschicklichkeit in die rechte Lunge bohrte, daß alle Gewebe zerrissen wurden und der Tod eintrat, noch ehe ein Arzt erschienen war. – –