Zu seinem tiefen Behagen trug natürlich die vorteilhafte Veränderung seiner äußeren Verhältnisse nicht wenig bei. Er konnte sich kaum je einer Zeit erinnern, in der er so ohne alle Schwierigkeiten und im Ueberfluß gelebt hatte wie jetzt. Seine Gläubiger hatten sich gern bis zu seiner Rückkehr vertrösten lassen, der Palast wurde gründlich renoviert und für das Leben nach außen hergerichtet, das Ettore sehr liebte. Jeden Einfall, jede Laune konnte er sich befriedigen und empfing noch obendrein dies alles nicht etwa von einer garstigen und ungeliebten Frau, sondern von einer, die momentan zu seinen Sinnen sprach und blind in ihn verliebt war. Wenn sie erst nach Venedig zurückgekehrt und ein bißchen länger verheiratet waren, würde er ihr auch die deutsche Gründlichkeit und den deutschen Ueberschwang abgewöhnen, würde mit ihr eine sehr gute Ehe führen, so wie man in seinen Kreisen eine gute Ehe verstand, ein Zusammenleben, bei dem man immer ein schönes Bild bot, einander vielleicht auch zugetan war, sich aber jedenfalls in nichts störte … Natürlich sprachen sie oft von Venedig und wie sie ihr künftiges Leben einrichten wollten. Ettore, der sich gemerkt hatte, daß seine Frau ihn in irgendeiner Weise tätig sehen wollte, sprach dann wieder von der Bewirtschaftung seiner Güter und dem Aufschwung, den sie jetzt, unter seiner persönlichen Leitung nehmen mußten. Elisabeth hörte das gerne und fragte vergnügt:

»Da werden wir also wohl nur die Hälfte des Jahres in Venedig leben und die andere Hälfte auf dem Lande?«

Er sah sie etwas verblüfft an. Sie lachte.

»Aber, mein großes Kind, Du wirst doch nicht vom Canal Grande aus Gutsherrschaft spielen können. Wir haben zwar nie ein Gut gehabt, aber das weiß ich doch, daß man da immerfort selber nach dem Rechten sehen und zur Stelle sein muß.«

Und weil sie meinte, er scheue sich vielleicht, ihr das Leben in einem verlorenen, welschen Erdwinkel zuzumuten, fuhr sie eifrig fort:

»Ich freue mich sehr, wenn ich monatelang nicht in der Stadt zu sein brauche! Es war eigentlich immer meine Sehnsucht, die Hälfte des Jahres auf dem Lande zu sein!«

»Das ist ja sehr schön! Das läßt sich leicht machen!«

Er suchte und fand noch einige allgemeine Redensarten, kam aber an späteren Tagen nur mehr mit Vorsicht auf das Thema von den Gütern zurück. Wahrhaftig, diese exaltierte kleine Frau war imstande, alles für Ernst zu nehmen und zu glauben, daß er, der schöne Ettore Priuli, Lust hatte, sich für Monate unter die Bauern zu vergraben und zu arbeiten! Dagegen erzählte er ihr gern und ausführlich von der Gesellschaft Venedigs, von ihrem Reichtum, ihren Festen, ihrem berechtigten Stolz und ihrem weitläufigen Klatsch. Elisabeth staunte manches Mal, wie sein Gedächtnis all diese Salonkleinlichkeiten, diese Frauenintrigen, Liebesgeschichten, Eheskandale und Geldaffären behielt. Gewiß hatte sie auch daheim Klatsch- und Skandalgeschichten aus allen möglichen Kreisen gehört, niemand aber hatte sie je so wichtig genommen wie Ettore tat. Einmal fragte sie ihn auch nach der Fürstin Tassini, deren Erscheinung inmitten des weißen, schwimmenden Rosenbeetes ihr unvergeßlich geblieben war. Sie meinte, Ettore würde auch über sie so viel wissen, wie über all die andern, aber seltsamerweise erwies er sich da etwas zugeknöpft, wußte entweder nichts Besonderes über die Tassinis oder wollte es nicht sagen. Elisabeth erfuhr nur, daß die Fürstin, eine bürgerliche Engländerin, dem Fürsten, der seinerzeit ein Salonlöwe Venedigs gewesen, eine märchenhafte Mitgift zugebracht habe, daß aber die Ehe trotzdem schlecht gegangen sei. Er schilderte die Fürstin, die er natürlich kannte, als kalt, herrisch und geldgierig, während der Fürst wohl ausschweifend, aber doch ein guter, harmloser Mensch sei. Er war bestrebt, die Schuld an dem Schiffbruch der Tassinischen Ehe mehr auf die Frau als auf den Mann zu wälzen, tat es teils instinktiv aus Korps- und auch aus Nationalgeist, mehr aber noch, weil er es für klug fand, Elisabeth nicht alles erfahren zu lassen, was in der Gesellschaft, der sie künftig angehören sollte, möglich war und vorging. Er merkte wohl, daß sie sich für die Fürstin interessierte, aber er hätte es nicht gern gehabt, daß seine Frau sich mit der Engländerin befreundete, die ihr in gewissen Dingen nur ein schlechtes Beispiel sein konnte. Denn obwohl niemand die Fürstin genau kannte, spürte doch jeder, daß sie die Feindin des eigenen Mannes war, und ihrem verschlossenen Gesicht, ihrem beherrschten Wesen traute man alles zu, gerade weil man gar nichts von dem wußte, was in ihr vorging.

Oft auch bat Elisabeth ihn, daß er ihr von früher erzähle, von seiner Kindheit, seiner Jugend, dem ganzen Leben, das er geführt hatte, bis sie kam. Das tat er gern, berichtete aus allen möglichen Perioden seines Lebens, Lustiges, Drolliges, wohl auch ein wenig Sentimentales, aber kaum je Ernsthaftes oder gar Leidvolles. Nur als er vom Tode seines Vaters sprach, liefen ihm Tränen über die Wangen, und Elisabeth merkte da wieder, wie schon bei andern Gelegenheiten, wie tief in ihm das Familiengefühl und die Liebe für die Familie, die ihn geboren hatte, wurzelten. Diese Liebe war aber doch wieder ganz anders als das Gefühl, das Elisabeth daheim als Kindesliebe kennen gelernt hatte. Es war etwas, das viel stärker und auch viel dumpfer schien, etwas, das in Tiefen wurzelte, von denen verfeinerte Naturen nichts mehr wissen, etwas, das nach Nestwärme roch und das, wie alle ursprünglichen Dinge, zu sehr Hohem oder zu sehr Niedrigem führen konnte. Elisabeth konnte sich keine Rechenschaft geben, wie dies Gefühl auf sie wirkte, sie fand auch im Augenblick kein Wort dafür und suchte es auch nicht. Der Bildungsgang, den Ettore genommen hatte, schien, soviel aus seinen Erzählungen hervorging, ziemlich undiszipliniert und wenig gründlich. Er war fast immer von Hauslehrern und Hofmeistern unterrichtet worden, hatte nie irgendein Examen gemacht, hatte freilich auch nie die beschämenden Heimlichkeiten, die verbissene Auflehnung, die inneren Kämpfe der deutschen heranwachsenden Männerjugend erlebt. Er war ein ganz guter, durchaus nicht renitenter Schüler gewesen, aber schon als Kind hatte er sich, als ein Priuli, jedem Lehrer als Mensch überlegen gefühlt und für das Wissen des andern nur eine sehr geringe Achtung gehabt. Er war von seinen Eltern streng kirchlich, das heißt zur peinlichen Beobachtung aller äußeren religiösen Vorschriften angehalten worden, ohne daß ihn jemals irgendwer zur Frömmelei oder zum Fanatismus verleitet hätte. Selbstverständlich war man im Hause Priuli durchaus konservativ und königstreu, aber schon der alte Graf Priuli hatte sich wenig um Politik gekümmert, und Ettore tat es noch weniger, weil er fand, daß bei all dem Hin und Her doch nichts herauskomme. Mit Staunen und mit leisem Neid hörte Elisabeth, wie hell und innerlich unbewegt diese Knaben- und Jünglingsjahre dahingegangen waren. Da war nichts von dem Widerstreit, von den wirklichen oder eingebildeten Seelenkonflikten und -problemen, mit denen sie und ihre Brüder sich selbst und gegenseitig gequält hatten, nichts von Zweifeln, die schmerzhaft an ältesten Ueberlieferungen nagten, nichts von Weltschmerz oder jugendlichem Größenwahn, nichts von gigantischen, hold-unmöglichen Zukunftsplänen für sich und eine neu zu erfassende Welt, nichts von der großen, gärenden Torheit, die sich in dem Worte »Jugend« zusammenpreßt und in der Erinnerung späterer Jahre so schön scheint, daß jeder wirkliche Erfolg neben ihrem erträumten verblaßt. Niemals hatte der junge Priuli mit sich oder mit andern um eine Weltanschauung gerungen, niemals daran gezweifelt, daß die Welt gut eingerichtet und schön und er ein Bevorzugter auf ihr sein müsse. Ein- oder zweimal hatte Elisabeth versucht, ihm von ihren erlebten und miterlebten tragikomischen Jugendkämpfen zu sprechen, aber er hatte so wenig davon verstanden, daß sie schnell und ein wenig beschämt schwieg. Sie kam sich vor, als hätte sie liebe, verblaßte, altmodische Familienbilder vor jemand ausgebreitet, der sie kühl und ein wenig spöttisch mit dem Maßstab moderner Erscheinungen maß. Es stand nun für Elisabeth ziemlich fest, daß sie einen Teil des Jahres auf den Gütern leben würden. Ettore wußte gar nicht, wie er ihr diesen Gedanken wieder ausreden sollte, denn wenn er auch vorsichtig andeutete, daß diese Güter sehr bescheiden und in der Entwicklung sehr zurückgeblieben seien, so meinte sie immer, er hätte Angst, daß ihr alles dort zu einfach, zu bäuerisch sei, und sie bemühte sich dann erst recht, ihm zu versichern, wie glücklich sie dort sein würden, ganz allein, fern der Welt, gemeinsam arbeitend und sich gemeinsam des Lohnes der Arbeit freuend. Ettore, der sich selber innerlich verwünschte, daß er diese Komödie mit der Gutsverwaltung angefangen hatte, hoffte im stillen, daß sie in Venedig, im Treiben der Stadt und der Gesellschaft, die Geschichte mit den Gütern vergessen würde, denn selbstverständlich wollte er doch nicht jetzt schon offenbaren, wie es in Wahrheit damit stand. Er bekam daher einen hellen Schreck, als sie ihm eines Tages ankündigte: