»Nein! Das hätt' ich ja gar nicht gekonnt!«
Elisabeth wurde rot, schloß eine Sekunde lang die Augen. Zum erstenmal war sie zornig auf ihren Mann, so zornig, daß sie seine Nähe kaum ertragen konnte. O, sie begriff wohl, daß er, der Träger eines glänzenden aber verarmten Namens, nicht nur aus Liebe freien, sondern auch eine reiche Frau haben wollte. Das war ja überall so, in der ganzen Welt, und gerade weil sie wußte, daß sie geliebt wurde, hätte sie's leicht ertragen, daß bei der Liebe ihr Geld eine Nebenrolle gespielt hatte. Aber die unverhüllte Offenheit, mit der Ettore ihr ins Gesicht sagte, daß er sie ohne Geld nie zur Frau genommen hätte, verletzte sie, und mit ihren geschlossenen Augen sah sie durch Raum und Jahre weit entfernt einen anderen Mann vor sich, der ihr ungefähr dasselbe gesagt hatte … Ihre Jugendliebe war's gewesen, der Offizier, den sie gern gehabt und wegen ihrer Armut nicht hatte heiraten können. Auch er hatte damals ungefähr gesprochen: »Ich kann kein Mädchen ohne Geld heiraten, ich muß mindestens die Kaution bekommen!«, aber wie anders, wie ganz anders war dieser Mann mit seinem Bekenntnis vor ihr gestanden. Stockend, mit sich kämpfend, beschämt und verwirrt hatte er ihr's abgelegt, so daß ihr Mitleid mit der Qual, die sie ihm ansah, fast größer gewesen war als der Schmerz über seinen Verlust. Ettore aber nahm und gestand das Unvermeidliche selbstverständlich und heiter ein, wie es in allem seine Art war. Nichts vermochte ihm die Laune zu trüben, die ewig hell und sonnig blieb, wie die Tage seines begnadeten Landes. Und plötzlich fiel Elisabeth eine tiefe Sehnsucht an nach der Regenstimmung der bayerischen Hochebene und nach einem Menschen, der unzufrieden war, der mit sich oder mit dem Schicksal im Streite lag. – – –
Weihnachten und Neujahr waren vorübergegangen, im Februar wollte das junge Paar nach Venedig zurückkehren. Elisabeth war schon müde vom Reisen, von all den neuen, immer wechselnden Eindrücken und sehnte sich nach der Ruhe des eigenen Heims. Auch Ettore dachte nicht ungern an die Rückkehr. Seiner Veranlagung nach hätte er zwar gut und auch gern noch monatelang das elegante, müßige Reiseleben fortgesetzt, aber er freute sich doch auf Venedig, auf die mamma, auf seine Freunde, auf den Klub, kurz auf alles, was seit Jahren sein Dasein gebildet und erfüllt hatte. Auch daß er dann nicht mehr Tag für Tag, Stunde für Stunde mit seiner Frau zusammengespannt war, dünkte ihm angenehm, denn wenngleich er immer noch verliebt in sie war, so wurde sie ihm doch mitunter etwas unbequem mit ihren vielen Fragen und geistigen Ansprüchen, die er nicht beantworten oder auch gar nicht verstehen konnte. Es gefiel ihm ja sehr, daß sie offenbar etwas in ihm gesehen hatte und noch sah, das er selbst nicht kannte, aber er spürte manches Mal eine leise innere Ungeduld, wenn sie verlangte, daß er dem Bild gleichen sollte, das sie sich von ihm gemacht hatte. Und er dachte bei sich, daß es für sie beide vorteilhaft sein würde, wenn sie nach einem fast fünfmonatlichen, unausgesetzten Beisammensein nun zeitweise durch andere Menschen, durch die Ansprüche des täglichen und gesellschaftlichen Lebens für kurze Zeitspannen voneinander abgerückt würden.
Die Vorfreude auf die Heimat wurde durch einen Brief aus Venedig getrübt, wenigstens für Elisabeth. Der Brief kam von der Gräfin Priuli, war an den Sohn gerichtet und meldete, daß die Handwerksleute im Palazzo Priuli schon jetzt, fast einen Monat vor dem festgesetzten Termin, mit ihren Arbeiten zu Ende wären. Diese Ueberpünktlichkeit schien auf den ersten Blick erstaunlich, aber als Ettore weiterlas, begriff er sie gut, denn die alte Gräfin hatte eben – – Ettore freute sich von Herzen und fand, daß die mamma eine überaus kluge und praktische Frau sei. Wie er jetzt aber Elisabeth den Brief vorlesen oder wenigstens mitteilen sollte, wurde ihm ein wenig unbehaglich zumute. Elisabeth fragte:
»Was gibt's zu Hause Neues, Lieber? Was schreibt Deine Mutter?«
Er spielte verlegen mit dem Brief, sagte es dann geradezu, wie ein Schuljunge, der sich endlich zu einem kecken Geständnis zusammenrafft.
»Merk auf, carina! Die mamma schreibt, daß sie die großen Umänderungen für eine eigene Küche und Wirtschaftsräume für sich nicht hat machen lassen, weil für Eleonore eine Heirat in Aussicht steht. Und wenn Eleonore heiratet, dann zieht die mamma natürlich zu ihr, und sie meint, es sei Unsinn, wegen ein paar Monate einen Kamin einzubauen, den dann doch niemand mehr braucht –«
»Und dann beabsichtigt also Deine Mutter –«
Ettore unterbrach sie, sprudelte hastig hervor, was er und seine Mutter wollten. Jawohl, für die paar Monate, bis zu Eleonorens Hochzeit, würde man insofern mit den beiden Damen einen gemeinsamen Haushalt führen, als Ettores Mutter und Schwester an den Mahlzeiten des jungen Paares teilnehmen sollten. Die Wohnräume blieben natürlich getrennt, aber in der Sache mit dem Kamin hatte die mamma doch recht, das mußte Elisabeth doch einsehen …