Elisabeth sagte zunächst kein Wort. Sie sah, daß die Priuli über ihren Kopf hinweg gerade das taten, was sie und ihr Vater nicht gewollt hatten, daß sie aus irgendeinem Grund ein Zusammenleben erzwangen, das schon jetzt, noch ehe es begonnen hatte, auf der jungen Frau lastete. Sie wußte, daß ihr Mann nichts von dem begriff, was jetzt in ihr vorging, daß er glücklich war in dem Gedanken, nach wie vor mit Mutter und Schwester zusammen zu sitzen, indes Elisabeth sich nach keiner andern Stunde so gesehnt hatte als nach der, in der sie zum erstenmal allein mit dem geliebten Mann am eigenen Tisch saß. Sie war voll Zorn und ohnmächtiger Liebe und konnte nichts denken als:
»Die Brut! Er denkt an nichts als an seine Brut!«
Ganz plötzlich war ihr dies Wort mit seinem animalischen Dunst in den Sinn gekommen, und sie hätte es ihm ins Gesicht gesagt, wenn sie gewußt hätte, wie es auf italienisch hieß. So fragte sie nur hart und trocken:
»Wir werden also in Venedig nie mehr allein sein?«
Ettore lachte. Nein, wie diese törichte Frau doch übertreiben konnte! Nie mehr, – wie das klang! Als ob der Tag nicht vierundzwanzig Stunden hätte, und als ob es darauf ankäme, ob an zweien davon die mamma und die Schwester bei ihnen säßen und sich mitfreuten über die schönen Sachen, die der neuengagierte Koch herstellen würde! Und alles war ja auch nur eine Frage der Zeit, der ganz kurzen Zeit bis zu Eleonorens Hochzeit … Elisabeth entgegnete nichts. Das war wieder eine jener scheinbar gleichgültigen Fragen, über die sie sich nicht einigen konnten. Er, der immer nur die Wirklichkeit der Dinge sah, begriff nie, daß Elisabeth noch etwas hinter ihnen suchte, daß für sie vieles Bedeutung hatte, was für ihn nur ein gleichgültiger oder alltäglicher Vorgang war. Da sie immer noch stumm blieb, meinte er sie mit dem letzten Argument zu überzeugen:
»Siehst Du, es kommt ja so auch viel billiger, als wenn wir der mamma einen eigenen Haushalt einrichten!«
»Wir … der mamma einrichten …?«
Elisabeth glaubte nicht recht gehört zu haben. Mehr als einmal hatte Ettore ja von den festen, wenn auch bescheidenen Renten seiner Mutter gesprochen; wie kam er also jetzt dazu, an Elisabeth und ihren Wünschen einsparen zu wollen, um es der alten Gräfin zu geben?! Es dämmerte ihr schon, daß sie jetzt Unerwartetes und Peinliches hören würde, und Ettore, der nun alle Unannehmlichkeiten auf einmal abmachen wollte, zögerte auch nicht, sie über die wahren Verhältnisse der Familie Priuli aufzuklären. Er tat es ohne Scham und ohne Schmerz, nur mit einer gewissen Empörung über eine Weltordnung, die nicht besser für die Priuli sorgte. Elisabeth hörte ihn an, ohne sich zu regen. Ihr Gesicht, das er sonst nur gütig und verklärt gekannt hatte, war jetzt ernst, fast bitter, und um ihren Mund lag ein Zug von Verächtlichkeit, um dessentwillen die Brüder Elisabeth stets für herrschsüchtig gehalten hatten. Ettore mit seiner primitiven Frauenpsychologie dachte, daß sie jetzt wohl eine heftige, laute Szene machen würde, und war erstaunt, als sie, nachdem er zu Ende war, schweigend aufstand und das Zimmer verließ. Wo sie hingegangen war, wußte er nicht, und er fragte ihr auch nicht nach, sondern rüstete sich zu einem kleinen Schlendergang am Strand entlang. Von dieser letzten Stunde war ihm sehr heiß geworden, und es tat gut, so mit erleichtertem Herzen in der Kühle spazierenzugehen.