Als er nach Hause kam, fand er seine Frau bereits zum Diner umgekleidet. Sie hatte den Nachmittag, den ersten, den sie verschmollten, im Park des Hotels zugebracht und war dort ruhiger geworden. Sie gab sich Mühe, die Verstimmung, die zwischen ihnen lag, zu heben, und Ettore, der jetzt überhaupt ein federleichtes Gefühl hatte, kam ihr mit so viel Zärtlichkeit entgegen, daß sie gänzlich ausgesöhnt und heiter zur Abendmahlzeit in den Speisesaal hinuntergingen. Vorsichtig kamen sie beide noch einmal auf den verhängnisvollen Brief zurück, und jeder versuchte dem andern klarzumachen, daß dieser gemeinsame Haushalt eigentlich eine sehr nützliche und angenehme Einrichtung sei. Elisabeth sagte:
»Es wäre wirklich überflüssig, für ein paar Monate alles auf den Kopf zu stellen! Und ich freue mich ja so, wenn Eleonore nun wirklich heiratet!«
Und Ettore:
»Natürlich, dem armen Mädchen ist's zu gönnen! Und für Dich, carina, ist es sehr gut, wenn meine Mutter vorläufig noch ganz bei uns bleibt! Gerade jetzt, wo Du doch bald den Rat und die Pflege einer Frau um Dich haben mußt!«
So gaben sie sich freundliche Worte und meinten es wohl auch gut, aber Elisabeth tat in dieser Nacht doch kaum ein Auge zu. Während sie im Dunkel wachend dalag, nagte an ihr etwas wie ein kleiner Wurm, und sie war ärgerlich auf sich selbst, daß sie ein Unrecht, das ihr geschah, durchaus Recht nennen wollte.
7.
An dem Tag, da das junge Paar heimkehrte, glich Venedig wieder einem leuchtenden Mirakel, das ein durchsichtiges Ungeheuer aus orientalischer Sage auf dem Rücken trägt. Elisabeth war von dieser Stadt und vom eigenen Glück wieder erfüllt wie damals, als sie ihr zum erstenmal ins Antlitz sah, und alle Verstimmung war vergessen. Es gab ja jetzt auch in ihrem eigenen Hause so vielerlei für sie zu sehen und zu tun, daß sie, selbst wenn sie gewollt, keine Zeit gefunden hätte, über sich nachzudenken. Zunächst mußte sie alles beschauen und auch bewundern, was sich in dem alten Palazzo verändert hatte, so sehr verändert, daß man seine Gemächer kaum wiedererkannte. Alles war nach Ettores Angaben stilvoll ergänzt oder auch neu beschafft worden, und sie mußte sich gestehen, daß es ihrem Mann nicht an Geschmack gebrach. Man hatte aus halb vergessenen Speichern und verlassenen Zimmern allerlei alte Möbel, Bilder, Spiegel und Zierate herbeigeschafft, hatte ausgebessert, was sich kunstvoll ausbessern ließ, hatte frische Seidentapeten gespannt, alte Stukkaturen gereinigt, so daß der Palazzo nun aussah, als hebe seine neue, große Zeit eben an. Neben der Pietät für den Stil und der Vorliebe für einen gewissen Prunk war aber auch der Komfort nicht zu kurz gekommen, den Elisabeth von ihrer deutschen Heimat gewöhnt war. Der Palazzo, in dem man sich bis zur Stunde an Marmorkaminen oder mit Kohlenbecken erwärmt hatte, besaß jetzt eine Warmwasserheizung, elektrisches Licht und gerade in den Wirtschaftsräumen alle Raffinements, die ein vornehmer, von anspruchsvollen Dienstboten geleiteter Betrieb verlangt. Nur eins vermißte Elisabeth: ein Zimmer, das ohne Pracht, nur mit tiefer Behaglichkeit ausgestattet war und ihr, ihren Büchern, ihren Skizzen und ihren Träumen gehören sollte. Es war wohl neben dem großen Empfangssalon ein sogenanntes Boudoir mit Louis-XV.-Möbeln und rosenfarbenem Damastbezug vorhanden, ein Raum, geschaffen für eine elegante Dame und ihre kleinen, mondänen Phantasien, nicht aber für eine Frau, die's gewöhnt war, sich aus dem Alltag heraus eine besondere Welt zu schaffen. Da Elisabeth merkte, daß Ettore gerade auf die Ausstattung dieses Raumes sehr stolz war, tadelte sie nichts daran, schien vielmehr entzückt von seiner duftigen Grazie und dachte bei sich, daß es ihr schon gelingen würde, sich den traulichen Winkel zu gestalten, den sie sich wünschte.
Bei aller Bewunderung für den Geschmack ihres Mannes und die Schönheit des neuen Heims ließ aber ein ängstlicher Gedanke sie nicht los, die vielleicht kleinbürgerliche Frage, was all diese Herrlichkeit wohl kosten mochte. Sie war ja zu sehr an enge Sparsamkeit gewöhnt, als daß sie sich von heut auf morgen an große Verhältnisse und Ziffern hätte gewöhnen können, und vorsichtig fragte sie Ettore immer wieder nach den Rechnungen. Er lachte sie aus.