»Die werden wir später schon sehen, verlaß Dich darauf! Und erschrick nicht, wenn die Lieferanten phantastische Summen aufgerechnet haben! Davon handeln wir natürlich mindestens die Hälfte, wenn nicht drei Viertel ab!«

Elisabeth machte große Augen. Sie wußte wohl, daß man in den kleinen Ramschbasaren und Läden der Merceria die Preise nach Belieben herunterdrücken konnte, aber bei großen Geschäftsleuten, die so wertvolle Arbeit lieferten wie im Palazzo Priuli, kam ihr das unwahrscheinlich vor.

»Es muß doch ein Voranschlag gemacht worden sein?«

»Voranschlag hin, Voranschlag her, – darum kümmert sich hier kein Mensch! Das mußt Du nicht mit deutschen Verhältnissen messen! Die Leute verlangen hundert Prozent mehr als sie verdienen und sind zufrieden, wenn man ihnen nur fünfundsiebzig davon abstreicht. Zerbrich Dir darüber den Kopf nicht und überlasse das mir! L'Italia farà da sè!«

Sie zerbrach sich auch wirklich nicht den Kopf darüber, zudem es für sie im Haushalt viel Ungewohntes und allerlei Schwierigkeiten gab. Sie mußte sich mit der neuen Dienerschaft einleben, deren Dialekt sie schlecht verstand und deren große Zahl sie erschreckte. Ettore hatte auch in dieser Hinsicht aus dem vollen gewirtschaftet, und Elisabeth konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, noch einen kleinen Neger zu engagieren, der sich eben in diesen Tagen als Boy anbot. Sie war nun wirklich ganz froh, daß sie vorläufig mit den Damen Priuli im gemeinsamen Haushalt lebte, denn die alte Gräfin verstand sich doch auf die Sprache, die Gewohnheiten und die Ansprüche der Dienerschaft und konnte der jungen Frau da in vieler Hinsicht nützlich sein. Dabei brauchte Elisabeth noch nicht einmal zu fürchten, daß die Gräfin, die Unerfahrenheit der Schwiegertochter mißbrauchend, darauf bedacht sein würde, das Regiment im Hause an sich zu reißen. Die alte Gräfin war weder herrschsüchtig noch bösartig und besaß keine der deutschen Schwiegermuttertücken, die ihr der Oberst zugetraut hatte. Sie war geistig indolent, dazu müde vom Leben und von dem freilich nur passiven Widerstand, den sie dem immer weiterschreitenden Verfall ihres Hauses entgegengesetzt hatte. Vom Klagen und von den Jahren war ihre Stimme allmählich so jammernd geworden, daß in ihrem Munde selbst Heiteres sich betrüblich anhörte und Elisabeth das Herz schwer wurde, wenn diese Stimme zu sprechen begann.

Seit damals der Brief der Gräfin eingetroffen war, hatten sich Ettore und Elisabeth natürlich auch lebhaft mit der Frage beschäftigt, wie es wohl um die Heirat Eleonorens stünde, von der die mamma damals schrieb. Weder die Gräfin noch Eleonore waren bis jetzt mit einem Wort über diese Angelegenheit herausgekommen, und Elisabeth, der doch seit dem Brief ein kleines, ein ganz kleines Mißtrauen geblieben war, dachte schon, daß die ganze Geschichte wohl nur eine Finte gewesen sei, um ihr unversehens den gemeinsamen Haushalt aufzudrängen. Als die ersten Tage in Venedig mit all ihrer Unruhe und ermüdenden Geschäftigkeit vorüber waren, fragte sie Ettore einmal, ob seine Mutter oder seine Schwester denn auch zu ihm gar nichts äußerten. Er zuckte die Achseln.

»Nein, kein Wort! Ich glaube überhaupt, daß die ganze Geschichte nur eine Einbildung oder ähnliches war! Eleonore hat immer von Zeit zu Zeit die Idee, daß ein Freier für sie da ist! Poverina, sie möchte doch so gerne heiraten!«

Nun wurde Elisabeth neugierig, ob Ettores Worte und ihr eigenes Gefühl recht behielten, und sie versuchte, Eleonore vorsichtig auszuhören. Das Mädchen aber blieb verschlossen, schien Elisabeth nicht zu verstehen oder gab lachend ausweichende Antworten, so daß die junge Frau dachte, es müsse doch seine Richtigkeit, wenn auch ein besonderes Bewenden mit dem Freier haben.

Jeden Nachmittag zwischen drei bis vier Uhr besuchte Elisabeth die alte Gräfin in deren eigenen Gemächern, die ebenfalls renoviert und geschmackvoll eingerichtet worden waren, nur daß hier, auf den Wunsch der Gräfin, die Zentralheizung fehlte. Die alte Dame wollte sich an solche Neuheiten nicht mehr gewöhnen, ihr genügte das Kohlenbecken, an dem sie sich die Hände wärmte, und an sehr kalten Tagen der Marmorkamin. Aber ehe sie sich entschloß, ihn zu heizen, wickelte sie sich lieber in alle möglichen Tücher, Mäntel und Pelze, und Elisabeth mußte anfangs immer lachen, wenn sie ins Zimmer trat und die beiden Damen unförmlich vermummt, wie Pelzmäntel Patiencen legen oder lesen sah. Fröstelnd oder ebenfalls in einen Pelz gehüllt, verplauderten sie dann eine halbe Stunde, und Elisabeth freute sich immer wieder, in die gleichmäßige Wärme des oberen Stockwerks zurückzukehren. Eines Tages aber, da Eleonore zu einer weitläufigen Verwandten gegangen war, richtete sich Elisabeth bei ihrer Schwiegermutter zu einem längeren Gespräch ein und fragte, wie es denn mit Eleonorens Heirat stehe. Die alte Gräfin wiegte verneinend den Kopf. Nein, nein, damit war nicht mehr zu rechnen. Es war nur ein Hoffnungsschimmer gewesen, eine trügerische Lockung, wie die Gräfin sie mit den Töchtern so oft erlebt hatte. Eleonore hatte einen jungen, erst kürzlich nach Venedig versetzten Offizier kennen gelernt, der auf großem Fuße lebte, sehr wohlhabend zu sein schien und sich in Eleonore verliebt hatte. Auch Eleonore war gleich Feuer und Flamme für ihn, aber als es ans Freien ging, stellte sich heraus, daß er nichts hatte als Schulden und nicht daran denken konnte, ein armes Mädchen zu heiraten.

Wie die Gräfin diese ganz alltägliche und doch so traurige Geschichte zweier junger Menschen mit ihrer jammernden Stimme erzählte, traten Elisabeth Tränen in die Augen. Sie ergriff die Hand ihrer Schwiegermutter, streichelte sie und meinte, daß solch ein Freier leicht zu verschmerzen sei und Eleonore gewiß zu etwas Besserem aufgespart sei. Die Gräfin sah über die junge Frau weg und schüttelte wieder den Kopf.