»O, Liebe, das ist alles ganz anders als Du denkst. Wir können nicht heiraten, nein, wir können nicht. Er ist ein eleganter, verwöhnter und luxusbedürftiger Mensch und wäre steinunglücklich, wenn er sich in arme Verhältnisse schicken sollte. Und wenn er unglücklich wäre, dann wär' ich's doch auch, nicht wahr? Wir wissen auch schon, daß wir nie heiraten können, und man findet sich ab … Ich habe mich sogar schon ganz leidlich abgefunden und bin eigentlich ärgerlich auf die Mama, daß sie der Geschichte immer noch nachhängt und Dir den Kopf davon vollredet!«
Elisabeth drang nicht weiter in Eleonore. Sie merkte wohl, daß das Mädchen mit seinem Herzenserlebnis keineswegs so fertig war, wie es behauptete. Sie merkte es an Eleonorens Wesen und mehr noch aus den abgerissenen Klängen, die sie jetzt fast immer vernahm, so oft sie die Wohnung der Gräfin betrat. Es war, als ob das Mädchen in der Brust eine Nachtigall trüge, die süß und berückend sang, was Eleonorens Mund verschwieg.
Bei einem andern Nachmittagsbesuch fragte darum Elisabeth die alte Gräfin, ob sie nie daran gedacht habe, Eleonorens Stimme ausbilden zu lassen. Die Gräfin schien sehr erstaunt. Ausbilden? Nein, daran hatten sie nie gedacht, wozu auch? Das hätte doch nur Geld gekostet und hätte zu nichts genützt. Wenn Eleonore nicht mit ihrer Schönheit ihr Glück machte, so kam es auf ihre Stimme erst recht nicht an. Kein Mann würde danach fragen, ob sie musikalisch sei oder nicht …
»So meine ich es auch nicht, aber die Stimme Eleonorens ist so schön, und sie selbst ist eine so prachtvolle Erscheinung, daß sie, nach meiner Ansicht, bei der Bühne sicher ihren Weg machen würde.«
Die Gräfin schlug die Hände zusammen, sah die Schwiegertochter entgeistert an.
»Misericordia, was für eine abscheuliche Idee! Eine Priuli Komödiantin!«
Es war so absurd, so ungeheuerlich, daß die Gräfin sich in gar keine Auseinandersetzung über den Vorschlag einlassen wollte. Vergeblich versuchte Elisabeth ihr klarzumachen, daß in Deutschland junge Leute aus den besten Familien zur Bühne drängten, daß eine schöne Stimme unter Umständen ein Millionenkapital sei, das man nicht brachliegen lassen dürfe, und daß mit einem Schlag Eleonorens Los sich wenden könne, sobald sie ein großes Engagement habe.
»Wenn sie sich jetzt ernsthaft ans Studium macht, käme sie auch leichter über die dumme Liebesgeschichte mit dem Leutnant weg! Man könnte sie fortgeben von hier nach Mailand oder Paris, und in einem halben Jahr dächte sie nicht mehr an ihren kleinen Abenteurer!«
Die Gräfin aber hörte kaum auf das, was die Schwiegertochter sprach. Mochten sie in Deutschland denken und tun was sie wollten, – eine Priuli konnte nicht zur Bühne gehen, konnte überhaupt nicht in der Oeffentlichkeit für Geld arbeiten! Elisabeth sah, daß mit der alten Dame nichts zu machen war, und beschloß, gelegentlich mit Eleonore zu sprechen. Das Mädchen hörte ihr mit ungläubigem Lächeln zu, als ob sie irgendeine Fabelgeschichte erzählte, entgegnete nicht so entsetzt wie die Mutter, aber mit leisem Hochmut in der Stimme ungefähr genau dasselbe: »Eine Priuli geht nicht zur Bühne!«
»Nun, dann wenigstens für den Konzertsaal! Denk' Dir doch, was für Chancen sich Dir erschließen! Du hast eine Stimme, hast den Nimbus Deiner Schönheit und Deines Namens, – sei überzeugt, die Freier werden sich um Dich drängen. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn Du endlich einmal draußen stehst in der Welt und in großen Städten, als immerfort hier sitzest, in demselben Kreis, in dem jeder jeden kennt.«