Eleonore sagte nicht direkt nein, machte aber alle möglichen Ausflüchte. Die Stimme sei gar nicht so schön, wie Elisabeth meine. Sie sei auch sehr von Zufälligkeiten abhängig, könne oft wochenlang keinen Ton aus der Kehle bringen. Eigentlich könne sie überhaupt nur singen, wenn's ihr gerade einfiel, und das Lernen, planmäßiges, strenges Lernen sei ihr von jeher schwer gefallen. Und die mamma, die arme mamma könne sie doch auch nicht allein lassen …
Elisabeth hörte ihr zu und begriff sie nicht. Wieder dachte sie an ihre eigene Mädchenzeit, an ihre einsamen, verschwiegenen Herzenskämpfe und an das harte Ringen ihres kleinen Talentes um ein bißchen Verdienst und ein bißchen Tagesinhalt. Wenn einer ihr und ihrem armen Bewerber damals eine Summe zur Verfügung gestellt hätte, wie sie neulich der Schwiegermutter für Eleonorens Heirat, – sie wären sich vorgekommen wie rechte Glückskinder und hätten voll Hoffnung und Seligkeit auf die Offizierskaution ihr Leben aufgebaut. Und wenn einer ihr später, als der Jugendtraum begraben war, gesagt hätte, daß ihr Talent groß genug sei, um ihr Stellung und Glanz in der Welt zu geben, – sie hätte gehungert oder gebettelt, um sich die Möglichkeiten zur Ausbildung zu verschaffen, und hätte im Bewußtsein ihres Besitzes und ihres künftigen Könnens mit keinem König getauscht. Wie anders war dies Mädchen! So eingeengt in Herkommen und Äußerlichkeiten, daß sie's begreiflich fand, wenn der Mann die Heirat verweigerte, weil er sich nicht genug Vorteile davon versprach, und ihn obendrein noch liebte. So trägen Geistes, so unfähig, aus sich selbst heraus den kühnen Sprung ins Ungewisse zu tun, daß sie lieber ein köstliches Leben verschwendete, ehe sie sich aufraffte, um dem Los zu entgehen, das die Schwestern hatten wählen müssen. Ob Elisabeth sich's auch nicht eingestehen wollte, so konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß es dieselbe Trägheit war, kraft deren Ettore halbe Tage lang im heißen Sand liegen und mit so viel Genuß das müßige Leben des Reisebummels führen konnte. Vielleicht war diese Trägheit nur ein Familienfehler, eine Schwäche der alten Rasse, die keines Aufstiegs mehr fähig war, vielleicht aber hatte sie überall ringsum Wurzel geschlagen in allen Palästen, in der ganzen Stadt, im ganzen Lande. – Wie Elisabeth das dachte, fühlte sie, daß ihr das Herz schwer werde und sich gleich darauf wieder aufbäumte, daß sie nun am Ende für alle Zeit an die Trägen, Ueberjährten gebunden sein würde …
Bis sich das junge Paar im Palazzo völlig eingerichtet und eingewöhnt hatte, war der Winter fast zu Ende. Elisabeth, die nichts mehr von den Vergnügungen der Saison hatte mitmachen können, freute sich auf das Frühjahr und drängte vom ersten warmen Tag an, daß Ettore mit ihr nach Udine fahren sollte, um von dort aus mit einer Wagenfahrt die Güter zu erreichen, die künftighin sein Arbeitsfeld bilden würden. Ettore hörte solche Vorschläge nicht gern, verschob die Reise von einer Woche zur andern und fand schließlich, als Elisabeths Eigensinn doch immer wieder auf die Güter zurückkam, daß es sehr unzweckmäßig sei, wenn sie jetzt, in ihrem schonungsbedürftigen Zustand, sich zuerst einer Eisenbahn- und dann noch einer längeren Wagenfahrt aussetzen würde. Elisabeth aber lachte vergnügt.
»Ettore, ich bitte Dich, ich bin doch keine Prinzessin! Denk' einmal, wie viele Frauen in der gleichen Lage genau so arbeiten müssen wie sonst, und sie bringen doch gesunde Kinder zur Welt! Ich würde mich schämen, wenn ich da nicht einmal mehr eine kleine Reise ertragen könnte!«
Ettore schnitt ein Gesicht. Er sah, daß er nachgeben mußte, und er fand sich selbst jetzt töricht und unvorsichtig, daß er damals, vor der Hochzeit, mit den Gütern geflunkert hatte, nur um den deutschen Schwägern zu imponieren und ihren lästigen Fragen zu entgehen.
Weder die Bahnstrecke noch die Wagenfahrt boten Reize. Die Gegend war eintönig, flach, zum größten Teil von Oliven und Mais bestanden, zwischen die sich immer wieder schwarze, in der Sonne blauschillernde Sumpfflecken drängten. Die Straßen waren von dürftigen Laubbäumen eingefaßt, deren Stämme miteinander durch schwere Girlanden von Wein verbunden waren, so daß die Straße festlich aussah, wie eine Via triumphalis, durch die aber nie mehr ein Sieger schreiten wird, weil alles ringsum versunken ist in Verlotterung, Vergessenheit und Sumpf. Da und dort tauchten halbzerfallene Häuser auf, Frauen mit struppigen Haaren standen am Weg, glotzten den Wagen an, streckten gewohnheitsmäßig die Hand zur Bettlergeste aus, während braune, zerlumpte Kinder sich spielend im fußhohen Staub wälzten, der die ärmlichen Wiesen mit einem grauen Schleier überdeckte.
Elisabeth sprach eifrig, lachte, versuchte aufgeräumt zu erscheinen, damit Ettore nicht merken sollte, wie sich ihr die melancholische Einförmigkeit der Gegend auf die Brust legte. Er merkte es auch gar nicht, denn er hatte keinen Sinn für Unterströmungen der Gefühle, war auch im Augenblick zu sehr mit dem Eindruck beschäftigt, den seine Frau wohl von den Gütern empfangen mußte, die so ganz verschieden von dem waren, was ihre Phantasie geträumt und erzählt hatte. Schließlich hielt der Wagen vor einem abgegrenzten, weiten Plan, um den stückweise eine grüne Hecke lief, während an andern Stellen Mais, Oliven und Weinstöcke wild durcheinander standen, nur da und dort einer Korkeiche gerade so viel Raum gewährend, daß sie ihre breiten Wurzeln ins trockene Erdreich krallen konnte. Im Hintergrund eines Feldes erhob sich ein Haus, das ein wenig größer war als die andern, die bisher am Weg sichtbar geworden, aber genau ebenso brüchig, unsauber und trostlos aussehend wie sie.
»Ecco, wir sind am Ziel!«
Ettore half seiner Frau aus dem Wagen, bot ihr den Arm und führte sie mit einer pompösen Geste, die sehr schlecht zu der dürftigen Umgebung paßte, auf das zerfallene Haus zu. – –