Eine halbe Stunde später war Elisabeth um eine große Enttäuschung reicher. Sie verstand zwar gar nichts von Landwirtschaft, Bodenreichtum und seiner Kultur, aber das begriff sie doch gleich, daß diese sogenannten Güter nichts waren als ein Komplex, der vielleicht einem einfachen Landmann, niemals aber einem wirklichen Gutsherrn Arbeit und Zweck bedeuten konnte. Wohl dehnten sich die Felder unabsehbar weit aus, aber es war eben immer wieder Mais und nochmals Mais, und, ganz abgesehen von der Arbeitskraft und der Energie, hätte es einer Unsumme bedurft, um diese wildsprossende Erde zu richtigem landwirtschaftlichen Ertrag zu zwingen. Auch war alles, was an Baulichkeiten, Einrichtungen und Werkzeugen vorhanden war, so primitiv, daß an eine richtige Ausnutzung vorhandener Erdschätze oder gar an eine Übersiedlung hierher nicht zu denken war. Mit diesem Haus, so wie es war, hätte der kleinste deutsche Bauer nicht vorliebgenommen, und selbst die italienische Genügsamkeit des Pächters jammerte Ettore etliches darüber vor, daß ihnen wohl demnächst das Dach in die Stube fallen würde. Jedes Gerät, das man zur Hand nahm, war fast noch genau ebenso, wie die Geschlechter, die hier vor tausend Jahren gesessen hatten, es geschnitzt oder gehämmert hatten, und im Herbst stampften hier die Burschen den Wein noch mit den nackten Füßen in die Kelter, wie sie es seit Urzeiten getan. Die Zeit mit all ihren Errungenschaften schien keine Macht über diese Gegend und diese Menschen zu haben, und vielleicht hätte Elisabeth an einem andern Tage den großen und seltsamen Reiz dieser Zeitlosigkeit empfunden, hätte gemerkt, daß hier, so dicht bei einer modernen Stadt, noch ein verschollenes Stück Altertum unter blauem Himmel lag. Aber sie war ja nicht hierhergekommen, um Kulturschichten zu beobachten, sondern um ein Stück Erde zu finden, das ihrem Mann gehörte, und dem er gehören wollte, mit aller Liebe und allem Fleiß, die ein Mann an seine Lebensaufgabe setzt. Denn durch alle Zeit war es ihr beklemmend gewesen, daß Ettore an keinen Beruf, an keine regelmäßige Arbeit gebunden war, und daß es ihm so leicht wurde, untätig durch die Tage hinzustreichen. Als er um Elisabeth freite, hatte sie wohl gewußt, daß er keinem eigentlichen Beruf nachging, aber wie solche Untätigkeit in der Nähe aussah und in Einzelheiten wirkte, hatte sie nicht gewußt, hatte sich auch in der ersten Verliebtheit nicht darum bekümmert. Schon auf der Hochzeitsreise hatte sie dann mit Staunen bemerkt, wie gelassen und gewandt ihr Mann die Zeit vertrödelte, wie er gar nie Sehnsucht spürte, sich in irgend etwas zu vertiefen oder sein Leben nützlich auszufüllen. Sie hatte aber schnell begriffen, daß er darin wohl keine Ausnahme darstellte, daß er nur geradeso lebte, wie er einen großen Kreis Gleichgestellter leben sah, für den man ihn erzogen hatte. Schon damals hatte sie sich fest vorgenommen, daß sie einen andern Menschen aus ihm machen wollte als nur den schönen, leichtfertigen Priuli, der von jedem Tag den Schaum abschlürfte, und den man gelehrt hatte, daß Arbeit nur für die Armen und Niedriggeborenen sei. Weil sie's daheim oft mitangesehen, daß junge Männer, die sich in keinem Beruf recht gefielen, in der Landwirtschaft, in der Hebung von Grundbesitz Freude und Kraft fanden, so dachte sie, daß es auch hier ebenso gehen, daß aus dem Besitz der heimatlichen Erde ihrem Mann der Sinn für ein neues Leben aufgehen sollte. Arglos, wie sie ihm gegenüber war, hatte sie die leichte Verlegenheit, die ihn überfiel, wenn sie von den Gütern sprach, sein Zögern, sie ihr zu zeigen, übersehen oder mißdeutet, denn niemals wäre es ihr eingefallen, daß er lächerlich flunkern oder gar geflissentlich lügen konnte. Nun spürte sie, wie damals, als der Brief seiner Mutter eintraf, Unwahrheit neben sich, und das Herz wurde ihr so schwer, daß sie am liebsten geweint hätte.
Langsam, mit gesenktem Kopf, ging sie durch die verlotterten Vignen, durch die wilde Einförmigkeit der Maisfelder hin. Zu ihrer Rechten schritt Ettore, elegant wie immer, den Hut ins Genick zurückgeschoben. Man merkte ihm an, wie überflüssig er sich hier vorkam, und wie es ihn drängte, dies verwahrloste Stück Land zu verlassen, das doch sein eigen war. Zu ihrer Linken ging der Pächter, redete mit pathetischem Tonfall und großen Gesten auf Ettore ein, daß dieser die größten Risse im Hause ausbessern und auch diese oder jene Neuanschaffung von Ackergeräten bezahlen sollte. Es war zwischen den Männern ein wildes Feilschen und Streiten, hörte sich vielleicht auch wilder an, als es in Wirklichkeit war, weil sie beide die Stimmen dröhnen ließen und mit den Händen genau so redselig waren wie mit dem Mund. Elisabeths wirrer Kopf verstand kaum mehr, was sie sagten oder wollten, zudem sie beide Dialekt sprachen, aber wie sie jetzt in der südlichen Sonne unter dem tiefblauen Himmel mit ihnen dahinging, fiel brennendes Heimweh sie an nach einem Weizenfeld, das langsam im Wind wogte, nach dem süßen Juniduft der Linden, nach der klotzigen Wortknappheit bayerischer Bauern, nach dem müden Gesicht, mit dem ihr Vater vom Dienst heimkam. –
Ettore sah sie verstohlen von der Seite her an. Sie hatte jetzt wieder das herbe, bittere Gesicht, das er schon einmal an ihr gesehen hatte, und das einer Frau zu gehören schien, die ihm fremd war. Er machte sich aber weiter keine Gedanken, stritt leidenschaftlich mit seinem Pächter weiter und dachte nur, daß er vermutlich heute abend oder morgen früh eine unangenehme Szene mit seiner Frau haben würde. Er beschleunigte den Schlendergang durch die Vignen und Felder und war froh, als sie endlich wieder im Wagen saßen, der Pächter sich mit einer Fülle von Worten und Wünschen verabschiedete und das zerfallene Haus samt Garten und Feldern hinter der staubigen Landstraße wie ein unerfreuliches Traumbild verschwand.
Sie fuhren schweigend dahin. Elisabeth nahm alle ihre Beherrschung zusammen, um ihre Bitterkeit in sich zu verschließen, um nicht durch heftige Worte, die sie später reuen mussten, zu verraten, daß dieser Tag ihr so vieles genommen hatte. Auch Ettore schwieg und hoffte, daß die schlechte Laune seiner Frau sich geben würde, wenn er sie gar nicht anredete und sie in Ruhe den üblen Eindruck verwinden konnte, den sie von dem Priulischen Grundbesitz empfangen hatte. Erst als sie wieder im Zug saßen, fragte er so nebenher:
»Nicht wahr, mein Besitz hat Dir nicht gefallen?«
Sie lachte bitter auf. Ob sie wollte oder nicht, sie mußte ihm nun sagen, was sie von diesem Tage geglaubt und was er ihr zerstört hatte. Sie sprach leidenschaftlich, mit geröteten Wangen und bebender Stimme, die ihr zuweilen versagte, denn sie, die es gewöhnt gewesen, immerfort tätige Männer um sich zu sehen, empfand es nun wie Schmach, daß sie einen Müßiggänger geheiratet hatte. Ettore hörte ihr zu und verstand sie gar nicht.
»Ich weiß wirklich nicht, was Du willst! Ich habe den ganzen Tag zu tun und langweile mich nicht einen Augenblick!«
»Das ist es ja eben. Du bist so sehr gewöhnt, nichts zu tun, daß Du Dir gar nicht vorstellen kannst, wie das ist, wenn man arbeitet, arbeitet von früh bis spät.«
Ettore schüttelte lächelnd den Kopf.