Auf weitere Auseinandersetzungen ließ er sich nicht mehr ein. Er verstand nicht, was seine Frau meinte und gab sich auch keine Mühe, es zu verstehen. Das waren deutsche Torheiten und Abgeschmacktheiten, an denen sie zeitweise litt, die man augenblicklich auch mit ihrem Zustand entschuldigen konnte, die aber für ihn, den Grafen Ettore Priuli, nicht die geringste Bedeutung hatten. Er rekelte sich behaglich in seinen Sitz hinein, drückte den Kopf fest an die samtene Kopfstütze und schloß die Augen. Fern und immer ferner hörte er, daß Elisabeth von daheim sprach, von ihrem Vater und den Brüdern, denen nichts über den Dienst ging. Dann schlief er fest ein. Elisabeth sah es und war beinahe froh, daß sie nicht mehr mit ihm reden konnte. Hier gab es ja doch keine Verständigung, denn hier redeten nicht nur zwei Menschen, sondern zwei Welten gegeneinander, und es schien unmöglich, daß sie sich je verstehen sollten. Wieder überkam sie das Gefühl grenzenloser Einsamkeit, das sie vorhin beim Gang durch die Vignen und Maisfelder gespürt hatte, und jäh wie ein Funke aus Qualm und Nacht sprang die Vorstellung in ihr auf, wie schön es wäre, wenn sie jetzt leise von diesem schlafenden Mann wegtreten, in einen der Züge springen, die nach Norden fuhren, und heim könnte in das Land, das ihre Sprache redete, ihre Gedanken dachte und mit ihrem Herzen empfand …
Sie sah durchs Fenster hinaus, ohne die Gegend mit dem Blick wirklich zu erfassen, hörte das gleichmäßige Rattern der Räder auf den Schienen, mußte den holprigen Rhythmus der eisernen Melodie mitdenken, bekam eine unerklärliche Furcht, sobald der Zug langsamer rollte, um in eine Station einzufahren, und atmete auf, als hätte ihr einer etwas Köstliches geschenkt, wenn er fauchend und dröhnend wieder mit voller Kraft dahinstampfte. Sie begriff sich selbst nicht recht, aber als sie in den Bahnhof von Venedig einfuhren, wußte sie's: sie hatte Angst und Abscheu vor dieser Stadt, in der ihre Träume einst mit tausend Gallonen gelandet waren.
8.
Als der Herbst aus seiner weinumkränzten Kelter die letzten Sonnenstrahlen über Venedig hingoß, daß es anzusehen war, als ob eines der flimmernden, naiven Mosaikbilder aus San Marco zum Leben niedergestiegen wäre, wurde der kleine Priuli getauft. Es war nur ein Familienfest, aber erfüllt von Feierlichkeit und durchwoben von Fäden, die weit zurückliefen zu alten Dingen und Gebräuchen. Die Taufe fand weder in einer Kirche, ja nicht einmal in einem Prunksaal des Palazzo Priuli statt, sondern in einem kleinen, winkeligen Zimmer des oberen Stockwerks, – denn hier war der große Vorfahre der Priuli zur Welt gekommen, und seitdem hatte jede Taufe des Geschlechts hier stattgefunden. Das Taufwasser lag in einer schweren, alten Kristallschale, die von zwei Goldfiguren getragen wurde, es hieß, daß die Goldschmiedearbeit von Benvenuto Cellini herstamme. Eine verblaßte und leicht zerschlissene Brokatdecke, die über den Täufling gebreitet wurde, sollte noch von Lola Manin, der berühmten Dogaressa, die sich einst um Venedigs Webeindustrie hochverdient gemacht, herstammen. Und als der Taufakt zu Ende war, nahm Ettore das Kind von den Armen seiner Mutter und sprach über es die alte Formel hin, die seit Jahrhunderten jeder Priuli sprach, wenn sie inzwischen auch ihren Sinn verloren hatte: »Ich schenke diesen Sohn der Republik Venedig, ihr zum Dienste und sich zum Ruhm!«
Elisabeth sah erstaunt und auch ein wenig verständnislos auf all diese Aeußerlichkeiten und auf den Ernst, mit dem sowohl ihr Mann wie die Damen Priuli dies alles betrachteten und behandelten. Seitdem sie in täglicher Gemeinschaft mit den Traditionen lebte, die ihr noch vor einem Jahr so überwältigend und bedeutungsvoll erschienen waren, kamen sie ihr nicht mehr gar so wertvoll vor, wollten sie mitunter sinnlos und altersschwach bedünken. Bei dieser Taufe freilich erhöhten sie die Feierlichkeit, liehen dem kleinen Priuli eine Wichtigkeit, daß er schon jetzt mehr zu sein schien als andere Kinder, und Elisabeth freute sich in ihrem jungen Mutterstolz, daß um ihr Kind so viel Erinnerungen herstanden und so viel Aufhebens von ihm gemacht wurde. Nur als Ettore den Spruch sagte, der dies Kind Venedig zum Geschenk machte, zuckte sie erschreckt zusammen, denn ihr war's, als habe er mit diesen Worten ihr Kind und in ihm sie selbst einem fremden Wesen vermählt …
Alles Schöne und alles Seltsame dieses Tages aber war vergessen, wenn sie in das Gesicht ihres Vaters sah, der zur Taufe seines Enkels gekommen war. Seitdem sie damals mit Ettore von seinen Gütern heimgekehrt, war die Sehnsucht nach ihrem Vater und nach allem, was er bedeutete, immer stärker in ihr geworden, so daß sie zuweilen dachte, das Heimweh müsse ihr das Herz zersprengen. So fremd, so armselig war sie sich in ihrem Palast vorgekommen, daß sie heimreisen wollte, um das Kind in irgendeiner deutschen Klinik zur Welt zu bringen. Ettore und seine Mutter waren natürlich verwundert und bestürzt über diesen Entschluß, den sie unter keiner Bedingung zur Ausführung kommen lassen wollten. Ettore sagte entschlossen:
»Unmöglich! Ein Priuli kommt nicht in einer Klinik auf die Welt! Ein Priuli wird hier, in seinem Palazzo geboren.«
Die alte Gräfin klagte mit ihrer jammernden Stimme: